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2. November 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Brennende oder tränende Augen trotz regelmäßiger Augentropfen? Augenärztin Dr. Christine Heun erklärt, was hinter den Beschwerden steckt, warum Frauen besonders häufig betroffen sind und welche neuen Therapien es gibt.

Ein Interview mit
Dr. med. Christine Heun
Trockene Augen können den Alltag erheblich beeinträchtigen. Lange galten künstliche Tränen dagegen als einfache Lösung. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das Verständnis des sogenannten Sicca-Syndroms grundlegend verändert. Heute können Augenärzte genauer unterscheiden, welche Störungen hinter den Beschwerden stecken, und die Behandlung entsprechend anpassen.
Neue Verfahren wie die Analyse des Tränenfilms und moderne Lichttherapien erweitern die Möglichkeiten. Was davon sinnvoll ist, welche Rolle Hormone und Bildschirmarbeit spielen und worauf Betroffene bei Augentropfen achten sollten, erklärt Augenärztin Dr. Christine Heun von der IRISIOvital Augenarztpraxis..
Frau Dr. Heun, viele Menschen greifen bei trockenen Augen zu Augentropfen. Warum reicht das häufig nicht aus?
Benetzende Augentropfen sorgen für eine Linderung der Beschwerden, allerdings behandeln sie nicht immer die eigentliche Ursache. Häufig liegt eine Störung der Meibomdrüsen vor. Dadurch wird der Tränenfilm instabil und verdunstet zu schnell. Durch reine Hyaluronsäurepräparate erhält man in einem solchen Fall nur vorübergehende Erleichterung. Daher ist der erste wichtige Schritt eine genaue Analyse des Tränenfilms. Anschließend kann eine zielgerichtete Therapie begonnen werden.
Welche Rolle spielen die Meibomdrüsen und woran erkennt man, dass sie nicht richtig arbeiten?
Wir wissen mittlerweile, dass die Meibomdrüsen am Lidrand eine zentrale Rolle bei der Aufrechterhaltung einer gesunden Augenoberfläche spielen. Sie produzieren eine ölige Substanz, das sogenannte Meibum, welche die äußere Lipidschicht des Tränenfilms bildet und dafür sorgt, dass die Tränen nicht zu schnell verdunsten.
Sind die Ausführungsgänge der Drüsen verstopft oder wird das Sekret nicht mehr in der richtigen Qualität produziert, wird der Tränenfilm instabil. Patienten bemerken dann typische Beschwerden wie Brennen, Fremdkörpergefühl, gereizte Lidränder, paradoxes Tränen und Sehschwankungen. Durch eine moderne Tränenfilmanalyse kann die Lipidschicht beurteilt und im Rahmen einer Meibographie die Funktion der Drüsen analysiert werden.
Was steckt tatsächlich hinter dem sogenannten Sicca-Syndrom – fehlt dem Auge wirklich einfach nur Tränenflüssigkeit?
Nein, so einfach ist es nicht. Mittlerweile wissen wir, dass es sich beim trockenen um eine komplexe und multifaktorielle Erkrankung der Augenoberfläche handelt. Der größte Anteil der Patienten hat eine Störung der Lipidphase oder Mischformen des trockenen Auges. Dabei verdunstet die wässrige Phase des Tränenfilms zu schnell.
Seltener liegen Erkrankungen vor, bei denen zu wenig Tränenflüssigkeit produziert wird, beispielsweise das Sjögren-Syndrom. Beim trockenen Auge spielen neben der Zusammensetzung der Tränen und der Funktion der Meibomdrüsen auch entzündliche Prozesse der Augenoberfläche eine wichtige Rolle. Genau dort setzen moderne Therapien an.
Können die falschen Augentropfen die Beschwerden sogar verschlimmern?
Das ist durchaus möglich. Viele frei verkäufliche benetzende Augentropfen enthalten Konservierungsstoffe. Diese reizen bei häufiger Anwendung die bereits „gestresste“ Augenoberfläche noch mehr. Deshalb rate ich bei regelmäßiger Anwendung zu konservierungsmittelfreien Präparaten.
Liegt eine Meibomdrüsen-Dysfunktion vor, reicht die Anwendung von benetzenden, rein hyaluronsäurehaltigen Augentropfen nicht aus. In diesem Fall sind lipidhaltige Augentropfen sinnvoller. Daher ist es immens wichtig, nicht einfach häufiger zu tropfen, sondern zunächst zu evaluieren, welche Form des trockenen Auges tatsächlich vorliegt.
Warum leiden gerade Frauen in den Wechseljahren häufiger unter trockenen Augen?
Frauen sind statistisch häufiger von trockenen Augen betroffen. Dabei spielen hormonelle Faktoren eine wichtige Rolle. Das hormonelle Gleichgewicht verändert sich rund um die Wechseljahre. Dies führt zu einer schlechteren Funktion der Meibomdrüsen, und die Neigung zu Entzündungen kann zunehmen. Zusätzlich kann man sagen, dass mit zunehmendem Lebensalter die Tränenproduktion abnimmt.
Welche Auswirkungen haben stundenlange Bildschirmarbeit und Smartphone-Nutzung auf unsere Augen?
Tatsächlich eine sehr große. Bei dem konzentrierten Blick auf einen Bildschirm reduziert sich die Lidschlagfrequenz. Der Lidschlag in seiner regelmäßigen Abfolge ist essenziell, um den Tränenfilm gleichmäßig auf der Hornhaut zu verteilen. Wenn dieser natürliche Rhythmus zu selten stattfindet, reißt der Tränenfilm schneller auf und verdunstet stärker.
Durch lange PC-Arbeit können sich bestehende Beschwerden erheblich verstärken, insbesondere wenn trockene Heizungsluft und eine ungünstige ergonomische Sitzposition hinzukommen. Gegen müde und brennende Augen hilft als Sofortmaßnahme bewusstes und vollständiges Blinzeln.
Was hat sich bei der Behandlung trockener Augen in den vergangenen Jahren verändert, welche neuen Therapien gibt es?
Erfreulicherweise hat sich die Therapie des trockenen Auges in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Während früher pauschal mit künstlichen Tränen therapiert wurde, versuchen wir heute genauer herauszufinden, welche Störung hinter den Beschwerden steckt.
So kommen zum Beispiel bei einer Meibomdrüsen-Dysfunktion Wärmebehandlungen, gezielte Lidrandpflege und professionelle Verfahren wie IPL und Low-Level-Light-Therapie zum Einsatz. Da auch wiederkehrende Entzündungsprozesse am Auge eine Rolle spielen, kommen inzwischen immunmodulierende Therapien wie beispielsweise Ciclosporin-Augentropfen zur Anwendung.
Bei schweren Verläufen kommen Eigenserum-Augentropfen oder auch therapeutische Kontaktlinsen infrage. Eindeutig geht der Trend weg von einer Einheitsbehandlung hin zu einer individuellen, auf die Ursache abgestimmten Therapie.
Was können Betroffene selbst im Alltag tun, damit sich der Tränenfilm stabilisiert?
Viel! Bei der Bildschirmarbeit ist es wichtig, regelmäßige Pausen einzulegen und Zugluft sowie zu warme Heizungsluft zu vermeiden. Der Monitor sollte möglichst etwas unterhalb der Augenhöhe stehen, da dadurch die Augen weniger weit geöffnet sind und die Verdunstung reduziert werden kann.
Bei einer Funktionsstörung der Meibomdrüsen können Wärmeanwendungen und geeignete Lidpflege sinnvoll sein. Bei der häufigen Anwendung von Tränenersatzmitteln sollte auf konservierungsmittelfreie Präparate zurückgegriffen werden.
Bestehen die Beschwerden dauerhaft, sollte immer eine Untersuchung bei einem Augenarzt oder einer Augenärztin erfolgen. Je genauer die Ursache bekannt ist, desto gezielter die Behandlung!

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