
© Maks Gelatin
15. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Fast jeder kennt sie, die meisten ignorieren sie: kleine Punkte und Fäden, die durchs Blickfeld schweben. Oft sind sie harmlos. Doch manchmal kündigen sie einen Notfall an, bei dem schnelles Handeln das Sehvermögen retten kann. Augenärztin Dr. Mirka Höltzermann erklärt, auf welche Zeichen es ankommt

Ein Interview mit
Dr. Mirka R. Höltzermann
Beim Lesen, beim Blick in den Himmel oder auf den Bildschirm sind sie plötzlich da: winzige Schatten, die mit jeder Augenbewegung mitwandern und verschwinden, sobald man sie fixieren will. Fachleute sprechen von Mouches volantes, französisch für „fliegende Mücken“, oder auf Englisch von Floatern. Dahinter steckt meist eine natürliche Veränderung des Glaskörpers. Treten die Schatten jedoch neu auf oder kommen Lichtblitze hinzu, können sie auf einen Netzhautriss oder eine beginnende Netzhautablösung hinweisen.
Das Problem: Viele Betroffene warten zu lange. Wenn sie schließlich zum Arzt gehen, hat sich die Netzhaut oft bereits abgelöst. Woran man harmlose Glaskörpertrübungen von echten Warnzeichen unterscheidet, wer ein erhöhtes Risiko für Netzhautprobleme hat und was Laserbehandlung und Operation gegen störende Floater leisten können, erklärt Dr. Mirka Höltzermann, Fachärztin für Augenheilkunde, im Interview.
Punkte, Fäden, Schlieren, die durchs Blickfeld wandern: Was sind Mouches volantes eigentlich?
Das Auge ist mit einer eiweißartigen Masse ausgefüllt, dem sogenannten Glaskörper. Dieser besteht aus Wasser und Kollagenfasern. Im Laufe des Lebens schrumpft der Glaskörper und die Kollagenfasern verklumpen. Das sieht man dann als Fäden oder Fliegen. Hauptsächlich, wenn man auf weiße Wände oder in einen hellen Bildschirm schaut.
Warum treten Mouches volantes mit zunehmendem Alter häufiger auf?
Je älter man wird, umso mehr schrumpft wie gesagt der Glaskörper – und der Wassergehalt sinkt. Daraus resultieren vermehrt Trübungen. Diese Flocken oder Fliegen können die ersten Vorboten einer hinteren Glaskörperabhebung sein. Dabei löst sich der Glaskörper von der Netzhaut. Hierbei können Schäden wie Löcher oder Risse an der Netzhaut entstehen, die zu einer Netzhautablösung führen können. Dies stellt einen augenärztlichen Notfall dar.
Eine neue niederländische Studie hat untersucht, welche Beschwerden auf einen Netzhautriss oder eine Netzhautablösung hindeuten. Was bedeutet das für Menschen, die plötzlich neue Punkte im Blickfeld bemerken?
Bei neu auftretenden Fliegen oder Flocken ist eine Netzhautkontrolle beim zeitnah sinnvoll. Auch ohne weitere Warnzeichen ist die Entstehung eines Netzhautrisses oder einer Netzhautablösung nicht unwahrscheinlich.
Bei welchen Symptomen sollte man nicht auf einen regulären Termin warten?
Blitze, viele schwarze Punkte/Rußregen und Vorhangsehen sind Alarmsignale, dass mit der Netzhaut etwas nicht stimmt. Hier ist eine notfallmäßige Vorstellung beim Augenarzt – an Sonn- oder Feiertagen beim augenärztlichen Notdienst – indiziert.
Wer ist besonders gefährdet: Spielen Kurzsichtigkeit, frühere Augenoperationen oder familiäre Vorbelastung eine Rolle?
Ja, es gibt Patienten mit einem höheren Risiko für Glaskörperabhebung und Netzhautablösung. Hierzu zählen Menschen, die kurzsichtig sind. Hier schrumpft der Glaskörper eher früher und die Netzhaut ist meist dünner, sodass der Glaskörper bei seiner Ablösung Netzhautlöcher oder -risse und eine Netzhautablösung verursachen kann. Ein höheres Risiko haben ebenso Patienten nach einer Augen-OP, Patienten mit einer positiven Familienanamnese und Patienten nach einem Trauma am Auge, z. B. durch einen Tennisball oder Champagnerkorken.
Kann man selbst etwas tun, um einer Netzhautablösung vorzubeugen?
Auf jeden Fall. Ich bespreche mit kurzsichtigen Patienten das erhöhte Risiko und rate zu regelmäßigen Netzhautkontrollen, ebenso nach OPs am Auge. Auch in jungen Jahren nach refraktiven Eingriffen. Eine gewisse Achtsamkeit beim Sport und beim Öffnen von verkorkten Flaschen oder auch beim Heimwerken finde ich wichtig.
Sollten erste Symptome für eine Glaskörperabhebung oder einen Netzhautdefekt auftreten, so ist es sinnvoll, nicht zuzuwarten. Leider kommen viele Patienten immer noch zu spät in die Praxis und die Netzhaut ist bereits abgelöst.
Was genau untersuchen Sie, wenn jemand mit plötzlich aufgetretenen Punkten im Blickfeld zu Ihnen kommt?
Generell sehe ich mir immer das gesamte Auge und auch das Partnerauge mit der Spaltlampe an, einem speziellen Mikroskop. Dann folgt eine Funduskopie, also eine Spiegelung des Augenhintergrunds mit einer Lupe bei weitgetropfter Pupille. So kann man die gesamte Netzhaut bis in die Peripherie einsehen.
Sehr hilfreich sind zusätzlich ein Weitwinkelfoto der Netzhaut und ein Spectralis-OCT (optische Kohärenztomografie) der zentralen Netzhaut. Man schaut sich den Glaskörper und die Netzhaut im Hinblick auf Anzeichen einer Abhebung an. Beim Glaskörper können das Flocken oder „Fliegen“ sein oder ein sogenannter Martegiani-Ring, an der Netzhaut Blutungen, Löcher oder gar eine Abhebung der Netzhaut.
Gegen störende Floater werden Laserbehandlungen angeboten, doch es gibt auch Berichte über Risiken. Wie bewerten Sie diese Verfahren und welche Alternativen gibt es?
Die Laservitreolyse der Glaskörperfloater kann sinnvoll sein. Entscheidend ist der Floater – klar begrenzt oder eher schlierige Veränderungen in den verschiedenen Glaskörperebenen – und der Leidensdruck des Patienten. Wenn er die Floater länger als ein halbes Jahr als sehr einschränkend und störend empfindet, dann kann eine Laserbehandlung sinnvoll sein.
Bei phaken Patienten, also Patienten, die noch nicht am grauen Star operiert sind, kann der Laser die Linse so beschädigen, dass sie sich eintrübt. Außerdem sind meist mehrere Laser-Sitzungen notwendig. Ich mache mit meinen Patienten immer eine Risiko-Nutzen-Abwägung.
Wenn der Leidensdruck extrem ist und die Floater sehr dicht und zentral sind und über einen langen Zeitraum fortbestehen, kann unter sorgfältigster Risiko-Nutzen-Abwägung auch eine Vitrektomie, also eine operative Entfernung des Glaskörpers, diskutiert werden. Weiter gibt es Nahrungsergänzungsmittel mit Mikronährstoffen, die die weitere Verklumpung der Kollagenfasern verhindern und das Gleichgewicht im Glaskörper wiederherstellen sollen.

Fast jeder kennt sie, die meisten ignorieren sie: kleine Punkte und Fäden, die durchs Blickfeld schweben. Oft sind sie harmlos. Doch manchmal kündigen sie einen Notfall an, bei dem schnelles Handeln das Sehvermögen retten kann. Augenärztin Dr. Mirka Höltzermann erklärt, auf welche Zeichen es ankommt
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