
© Andrea Piacquadio
7. November 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Eine verschleppte Erkältung kann gefährliche Folgen haben – auch für junge, sportliche Menschen. Der Kardiologe Prof. Dr. Uwe Nixdorff erklärt, welche Warnzeichen auf eine Herzmuskelentzündung hindeuten, warum man einen Infekt nicht wegtrainieren kann und wann Sport wieder erlaubt ist.

Ein Interview mit
Prof. Dr. Uwe Nixdorff
Husten, Schnupfen, Halsschmerzen: Gerade in der kalten Jahreszeit gehören Atemwegsinfekte für viele Menschen zum Alltag. Meist verschwinden die Beschwerden nach einigen Tagen. Doch manchmal hält ein Infekt länger an oder es treten plötzlich neue Symptome auf. Dann stellt sich die Frage, ob mehr dahintersteckt als eine gewöhnliche Erkältung.
Eine mögliche Komplikation ist die Myokarditis, eine Entzündung des Herzmuskels. Sie ist selten, kann aber schwerwiegende Folgen haben - auch bei jungen, zuvor gesunden Menschen.
Männer erkranken etwa doppelt so häufig wie Frauen. Viele Patienten, die der Kardiologe und Präventivmediziner Prof. Dr. Uwe Nixdorff mit einer Herzmuskelentzündung behandelt, sind zwischen 20 und Mitte 30. Oft haben sie trotz Infekt weiter Sport getrieben. Im Interview erklärt er, wann aus einer Erkältung ein Fall fürs Herz wird.
Herr Professor Nixdorff, was versteht man medizinisch unter einer verschleppten Erkältung oder Grippe?
Eine Grippe ist in der Regel eine Virusinfektion, die vor allem das Bronchialsystem und die Luftröhre befällt. Wenn man von einer verschleppten Infektion spricht, bedeutet das, dass der virale Befall über diese Strukturen hinausgeht. Die Viren können in die Blutbahn und in innere Organe gelangen. Klinisch besonders wichtig ist dabei der Befall des Herzens. Grundsätzlich können aber auch andere Organe betroffen sein, beispielsweise die Hirnhäute.
„Verschleppt“ ist allerdings eher ein Begriff aus dem Volksmund und kein präziser medizinischer Ausdruck.
Woran erkenne ich, dass eine Erkältung möglicherweise das Herz angegriffen hat?
Bei einer ausgeprägten Herzmuskelentzündung, einer Myokarditis, haben die Betroffenen in der Regel Beschwerden. Der Herzmuskel selbst verursacht dabei möglicherweise gar keine starken Schmerzen. Besonders schmerzhaft kann dagegen eine Entzündung des Herzbeutels sein, eine sogenannte Perikarditis.
Das Herz ist von einem Herzbeutel umgeben, in dem es sich bei jedem Herzschlag bewegen kann. Ist dieser entzündet, kann es zu einer Reibung kommen, die wir Kardiologen sogar mit dem Stethoskop hören können. Die Betroffenen haben dann unter Umständen sehr starke Schmerzen.
Weitere Warnzeichen sind Atemnot, Herzrhythmusstörungen wie Herzstolpern oder Herzrasen sowie eine verminderte Leistungsfähigkeit und ungewöhnliche Erschöpfung. In fortgeschrittenen Fällen können auch Wassereinlagerungen in den Beinen auftreten.
Wann sollte man mit solchen Beschwerden zum Arzt gehen?
Bei den genannten Beschwerden sollte man einen Hausarzt oder besser einen Kardiologen aufsuchen. Wichtig sind ein EKG und Laboruntersuchungen, bei denen auch die Entzündungswerte bestimmt werden. Der Kardiologe führt außerdem eine Echokardiographie durch, also einen Herzultraschall. Damit lässt sich bereits viel erkennen.
Wenn allerdings stärkere Beschwerden auftreten, etwa eine drohende Bewusstlosigkeit, anhaltende Brustschmerzen oder schwere Atemnot, muss man die 112 anrufen und einen Rettungswagen anfordern.
Wie kann aus einem zunächst harmlosen Infekt eine Herzmuskelentzündung entstehen?
Man darf den Menschen keine Angst machen. Wenn jemand ein bisschen Schnupfen hat, bedeutet das nicht, dass er am nächsten Tag eine Myokarditis entwickelt.
Man sagt ja: „Drei Tage kommt’s, drei Tage bleibt’s, drei Tage geht’s.“ Wenn ein Infekt aber länger als üblich anhält, beispielsweise ein oder zwei Wochen, kann es dazu kommen, dass Viren über die Gefäßinnenhaut in andere Organe gelangen.
Es gibt aber auch andere Mechanismen. Besonders bei komplexeren Viren kann eine Immunreaktion entstehen, die sich gegen körpereigene Strukturen richtet. Das ist eine sogenannte Kreuzreaktion.
Ich will versuchen, es einfach zu erklären: Die Viren sind Fremdkörper. Zur Abwehr bildet das Immunsystem Antikörper. Manchmal können diese Antikörper nicht ausreichend zwischen fremden und körpereigenen Proteinen unterscheiden. Dann greifen sie auch körpereigene Zellen an, beispielsweise Herzmuskelzellen. Es entsteht eine Autoimmunreaktion.
Solche Vorgänge entwickeln sich nicht von heute auf morgen. Deshalb kann eine Beteiligung des Herzmuskels auch zeitlich verzögert auftreten.
Wann darf man nach einer Erkältung wieder Sport treiben?
Erst wenn die Beschwerden weitestgehend abgeklungen sind. Schon Husten, Heiserkeit oder Schnupfen sollte man zum Anlass nehmen, auf Sport zu verzichten. Man muss deshalb nicht unbedingt im Bett liegen und kann durchaus noch am Schreibtisch arbeiten. Aber das Fitnessstudio, Joggen oder Fahrradfahren sollte man während eines grippalen Infekts meiden. Besser ist es, sich zu schonen, mehr zu Hause zu bleiben und auch einmal früher schlafen zu gehen.
Hier sehe ich großen Aufklärungsbedarf, auch aus leidvoller klinischer Erfahrung. Ich habe jüngere Patienten erlebt, die sehr sportlich und ehrgeizig waren und während eines grippalen Infekts weitertrainiert haben. Sie glaubten, sie könnten den Infekt gewissermaßen wegtrainieren. Das ist Unsinn.
Es gibt dazu auch wissenschaftlich fundierte Leitlinien der European Society of Cardiology, der ESC. Entscheidend ist, den Krankheitsverlauf zu beobachten. Ich habe gerade im Herbst immer wieder Patienten, die zur Kontrolle in meine Praxis kommen. Wenn die Laborwerte noch auffällig sind oder die Betroffenen nachts schwitzen, weiterhin husten, heiser sind oder sich ungewöhnlich schlapp fühlen, sollte man mit dem Sport noch warten.
Ich kenne aus meiner klinischen Erfahrung auch die negativen Verläufe, wenn die notwendige Schonung nicht eingehalten wird. Dann kann es zu erheblichen Schäden am Herzmuskel kommen, im schlimmsten Fall sogar zu einer dauerhaften Herzschwäche.
Wie lange dauert es, bis sich das Herz von einer Herzmuskelentzündung erholt?
Früher hat man bei einer Myokarditis eine körperliche Schonung von drei bis sechs Monaten empfohlen. Das habe ich während meiner Zeit an der Universität auch so gehandhabt. Die neueren ESC-Leitlinien sehen das etwas differenzierter. Heute orientiert man sich stärker am individuellen Krankheitsverlauf. Trotzdem sprechen wir häufig von vielen Wochen bis zu mehreren Monaten.
Ich denke gerade an einen jungen Lehrer, der seit einigen Monaten regelmäßig zu mir kommt. Sein EKG zeigt auch nach drei Monaten noch Veränderungen, sogenannte T-Negativierungen.
Wir haben außerdem eine Magnetresonanztomographie des Herzens durchgeführt. Mit dieser Untersuchung kann man die Struktur des Herzmuskels sehr gut beurteilen. Bei einer Myokarditis zeigen sich typische Veränderungen wie Ödeme, möglicherweise auch Gewebeschäden und Vernarbungen.
Bei diesem Patienten hat sich der Befund im MRT erfreulicherweise deutlich verbessert. Deshalb haben wir seine körperliche Aktivität nur schrittweise gesteigert. Inzwischen darf er wieder spazieren gehen, was ich ihm zuvor untersagt hatte. Schweißtreibender Sport ist aber weiterhin nicht erlaubt.
Wie wird eine Herzmuskel- oder Herzbeutelentzündung behandelt?
Das Wichtigste ist zunächst die körperliche Schonung. Bei schwereren Verläufen kann eine stationäre Behandlung notwendig sein. In leichteren Fällen lässt sich die erforderliche Ruhe auch zu Hause einhalten. Wichtig ist außerdem, ausreichend zu trinken.
Bei einer schmerzhaften Herzbeutelentzündung kommen entzündungshemmende Medikamente infrage. Ich setze unter anderem Antirheumatika wie Diclofenac ein, mit denen ich in meiner langjährigen Praxis sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Auch Colchicin gehört zu den Medikamenten, die ich als Kardiologe verwende.
Bei invasiven Untersuchungen bin ich dagegen zurückhaltend. Früher wurden teilweise Herzkatheteruntersuchungen mit Gewebeentnahmen durchgeführt. Auch die neuen ESC-Leitlinien von 2025 betrachten solche Eingriffe differenziert.
Entscheidend ist für mich immer die Frage, welche therapeutischen Konsequenzen eine Untersuchung hat. Man sollte nicht alles machen, nur weil es technisch möglich ist.
Was sind die schlimmsten möglichen Folgen einer Herzmuskelentzündung?
Der plötzliche Herztod. Das Schlimmste ist, wenn eine Kammertachykardie auftritt, also eine gefährliche Herzrhythmusstörung, die in Kammerflimmern übergehen kann. Wenn nicht sofort eingegriffen wird, kann das innerhalb kürzester Zeit tödlich enden.
Es gibt aber auch andere schwere Verläufe. Bei manchen Patienten ist der Herzmuskel durch die Entzündung so stark geschädigt und vernarbt, dass eine dilatative Kardiomyopathie entsteht. Das Herz ist dann dauerhaft geschwächt. Die Betroffenen sind weniger leistungsfähig und bekommen möglicherweise schon beim Treppensteigen Luftnot. Im schlimmsten Fall ist die Herzinsuffizienz so ausgeprägt, dass sie auf die Warteliste für eine Herztransplantation kommen.
Das sind natürlich die schrecklichsten Verläufe.
Was möchten Sie Menschen mit auf den Weg geben, die gerade eine Erkältung durchmachen?
Das Wichtigste ist, einen grippalen Infekt ernst zu nehmen und sich ausreichend zu schonen. Normalerweise empfehle ich als Präventivkardiologe, sich möglichst viel zu bewegen. Während eines Infekts gilt aber genau das Gegenteil. Man sollte erst wieder mit körperlicher Belastung beginnen, wenn die Symptome weitestgehend abgeklungen sind.
Außerdem sollte man nicht unnötig Antibiotika einnehmen. Gegen Virusinfektionen helfen Antibiotika nicht. Dafür muss es konkrete Hinweise auf eine bakterielle Infektion geben. Ich halte es deshalb für wichtig, vor einer Antibiotikatherapie genau zu untersuchen, ob tatsächlich ein bakterieller Infekt vorliegt.
Und wenn besondere Beschwerden auftreten, beispielsweise Brustschmerzen, Atemnot schon bei geringer Belastung oder Herzrhythmusstörungen, sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen.

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