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9. April 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Endometriose betrifft Millionen Frauen – doch die Diagnose dauert oft Jahre. Eine Expertin erklärt Symptome, Ursachen und welche Therapien wirklich helfen

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Ein Interview mit
Dr. med. Uta Emmerich
10 bis 15 Prozent aller Frauen im gebärfähigen Alter leiden an Endometriose – doch viele wissen lange nicht, woher ihre Schmerzen kommen. Oft vergehen Jahre bis zur Diagnose. Gynäkologin Dr. Uta Emmerich erklärt, warum das so ist, welche Symptome typisch sind und welche Therapien wirklich helfen.
Endometriose ist eine der häufigsten, aber gleichzeitig am wenigsten erkannten gynäkologischen Erkrankungen. Die Beschwerden reichen von starken Regelschmerzen bis hin zu unerfülltem Kinderwunsch – und werden dennoch oft lange nicht richtig eingeordnet. Im Schnitt dauert es rund siebeneinhalb Jahre, bis die Diagnose gestellt wird.
Was genau steckt hinter der Erkrankung – und woran erkennt man sie?
Endometriose ist eine chronisch entzündliche, östrogenabhängige Erkrankung, bei der sich endometriumähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutterhöhle ansiedelt – etwa an den Eierstöcken oder am Bauchfell. In schwereren Fällen, der sogenannten tief infiltrierenden Endometriose, können auch Organe wie Blase oder Darm betroffen sein. Eine eigene Form ist die Adenomyose, bei der sich dieses Gewebe in der Gebärmutterwand befindet.
Typische Symptome auf einen Blick:
Viele Betroffene nehmen die Beschwerden lange hin oder ordnen sie als „normale Regelschmerzen“ ein. Dabei gilt: Starke Schmerzen sind nicht normal – und sollten immer medizinisch abgeklärt werden. Wir haben mit der Gynäkologin Dr. Uta Emmerich darüber gesprochen, warum Endometriose oft so spät erkannt wird – und was sich für Betroffene verbessern muss.
Im Durchschnitt dauert es etwa siebeneinhalb Jahre, bis die Diagnose gestellt wird. Woran liegt das?Das hat mehrere Ursachen. Zum einen sind die Symptome oft unspezifisch und überschneiden sich mit anderen gynäkologischen, aber auch nicht-gynäkologischen Erkrankungen, was zunächst zu Fehldiagnosen führen kann. Zum anderen wurden starke Regelschmerzen lange Zeit normalisiert oder bagatellisiert – teilweise passiert das auch heute noch. Hinzu kommt eine insgesamt noch unzureichende Sensibilisierung, sowohl bei Patientinnen als auch im medizinischen Umfeld.
Viele Ärztinnen und Ärzte bezeichnen die Laparoskopie noch immer als Goldstandard der Diagnose. Dabei handelt es sich um einen operativen Eingriff. Was sind aus Ihrer Sicht die Vor- und Nachteile?
Die Laparoskopie gilt heute nicht mehr uneingeschränkt als Goldstandard. Seit einigen Jahren stehen uns gute klinische und bildgebende Verfahren zur Verfügung. Die Methode der ersten Wahl ist der transvaginale Ultraschall, ergänzt gegebenenfalls durch ein MRT des kleinen Beckens. Damit lässt sich in vielen Fällen bereits eine fundierte Verdachtsdiagnose stellen.
Eine Operation ist in der Regel erst der nächste Schritt und wird gezielt eingesetzt – etwa bei Verdacht auf Organbeteiligung, bei tief infiltrierender Endometriose, bei auffälligen oder großen Zysten oder bei Patientinnen mit Kinderwunsch.
Worauf achten Sie bei der Untersuchung einer Patientin mit Verdacht auf Endometriose?
Bei der gynäkologischen Untersuchung zeigen sich häufig typische Schmerzpunkte, etwa im Bereich der hinteren Scheidenwand. Solche Befunde können auf eine tief infiltrierende Endometriose hinweisen. Auch Schmerzen bei der Mobilisation der Gebärmutter sind ein möglicher Hinweis – häufig berichten diese Patientinnen zusätzlich über Schmerzen beim Geschlechtsverkehr.
Im Ultraschall lassen sich oft charakteristische Veränderungen erkennen, zum Beispiel Endometriosezysten an den Eierstöcken, die ein typisches Erscheinungsbild haben. Bei einer Adenomyose fällt häufig eine unregelmäßige Struktur der Gebärmutterwand auf, etwa durch Verdickungen, kleine Hohlräume oder insgesamt eine inhomogene Darstellung.
Darüber hinaus kann man die Beweglichkeit der Gebärmutter im Verhältnis zu Blase und Darm beurteilen, was ebenfalls diagnostische Hinweise liefern kann. In fortgeschrittenen Stadien sind manchmal auch knotige Veränderungen im kleinen Becken sichtbar. Selbst subtilere Veränderungen gelten heute bereits als wichtige diagnostische Kriterien.
Kommen wir zu den Behandlungsmöglichkeiten. Womit starten Sie in der Regel?
Wenn die Diagnose gesichert ist, beginnt man in der Regel mit einer hormonellen Therapie – insbesondere bei Patientinnen mit Beschwerden, die aktuell keinen Kinderwunsch haben. Die erste Wahl ist meist ein Gestagen, das kontinuierlich eingenommen wird und zu einer Unterdrückung der Östrogenproduktion führt. Ziel ist es, die Menstruation auszusetzen und so die Beschwerden zu reduzieren.
Diese Therapie ist in der Regel gut wirksam, vergleichsweise nebenwirkungsarm und kostengünstig. Allerdings sprechen etwa 10 bis 20 Prozent der Patientinnen nicht ausreichend darauf an.
Als zweite Option kommen sogenannte GnRH-Analoga oder -Antagonisten infrage. Diese sind ebenfalls wirksam, gehen jedoch häufiger mit Nebenwirkungen einher, die an Wechseljahresbeschwerden erinnern, wie Hitzewallungen oder Knochenschmerzen, und sind zudem kostenintensiver.
Operative Maßnahmen bleiben eine wichtige Option, insbesondere bei Therapieversagen, bei großen Zysten oder bei bestehendem Kinderwunsch.
Welche zusätzlichen Therapien helfen, die Beschwerden zu lindern? Ich denke da an Osteopathie, Akupunktur oder Ernährung – was würden Sie empfehlen?
Ein zentraler Baustein ist zunächst die Schmerztherapie. Darüber hinaus gibt es für einige ergänzende Ansätze durchaus gute Daten. Für Akupunktur liegen beispielsweise größere Metaanalysen vor, die eine signifikante Schmerzreduktion zeigen.
Auch die Osteopathie kann hilfreich sein, insbesondere nach operativen Eingriffen – etwa zur Linderung von Beschwerden und zur Vorbeugung von Verwachsungen im kleinen Becken.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Ernährung. Eine entzündungshemmende, also antiinflammatorische Ernährungsweise kann sich positiv auswirken. Dazu gehören zum Beispiel eine omega-3-reiche Ernährung, eine insgesamt ausgewogene und gegebenenfalls kalorienreduzierte Kost sowie in manchen Fällen auch eine glutenarme oder glutenfreie Ernährung. Studien zeigen hier Verbesserungen sowohl der Lebensqualität als auch der Schmerzsymptomatik.
Nicht zu unterschätzen ist außerdem Bewegung: Sport im Allgemeinen und insbesondere sanfte Formen wie Yoga können die Beschwerden ebenfalls lindern.
Was genau ist die Ursache für Endometriose?
Die genaue Ursache ist bis heute nicht abschließend geklärt. Die am weitesten verbreitete Theorie ist die sogenannte retrograde Menstruation. Dabei gelangen Zellen der Gebärmutterschleimhaut während der Menstruation über die Eileiter in den Bauchraum und siedeln sich dort an. Darüber hinaus spielen genetische Faktoren eine wichtige Rolle – etwa 50 Prozent des Erkrankungsrisikos werden damit in Verbindung gebracht. Allerdings handelt es sich nicht um „das eine“ Endometriose-Gen, sondern um ein komplexes Zusammenspiel verschiedener genetischer und regulatorischer Einflüsse.
Und welche Rolle spielt die Genetik?
Die Genetik spielt tatsächlich eine relevante Rolle – man geht davon aus, dass sie etwa zur Hälfte an der Entstehung beteiligt ist. Zudem sehen wir familiäre Häufungen, was diesen Zusammenhang zusätzlich unterstreicht.
Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass auch Bakterien Auslöser sein könnten. Wie ist da der aktuelle Stand?
Bakterien sind wahrscheinlich nicht die alleinige Ursache, aber sie können eine wichtige Rolle spielen. Die aktuelle Studienlage zeigt, dass bei Endometriose-Patientinnen häufig ein gestörtes Mikrobiom vorliegt – etwa im Endometrium, in der Vaginalschleimhaut, im Darm oder auch im Bauchfell. Diese Veränderungen können entzündliche Prozesse und Immunstörungen begünstigen, was wiederum zur Entstehung oder Verschlimmerung der Erkrankung beitragen kann.
Chronische Schmerzen sind ja eine häufige Folge. Bedeutet das, dass die Erkrankung ein Leben lang bleibt?
Endometriose ist leider eine chronische Erkrankung, die derzeit nicht vollständig heilbar ist. Ziel der Therapie ist deshalb in erster Linie die Linderung der Symptome und eine Verbesserung der Lebensqualität.
Bei 40 bis 50 Prozent der Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch ist Endometriose die Ursache. Heißt das im Umkehrschluss, dass etwa die Hälfte aller Betroffenen keine Kinder bekommen kann?
So pauschal lässt sich das nicht sagen. Die Fertilitätsrate bei Endometriose liegt etwa zwischen 30 und 50 Prozent. Viele Patientinnen mit Kinderwunsch benötigen jedoch Unterstützung – sei es durch operative Maßnahmen, medikamentöse Therapien oder durch Verfahren der assistierten Reproduktion.
Es gibt eine neue Diagnosemethode aus Australien, mit der Endometriose im Periodenblut festgestellt werden kann. Auch von einem Speicheltest hört und liest man. Wie vielversprechend sind solche Ansätze – und was ist derzeit eine zuverlässige Methode?
Aktuell gibt es nach der Studienlage noch keine etablierte Methode, mit der Endometriose zuverlässig über Periodenblut diagnostiziert werden kann. Es existieren zwar erste Untersuchungen, die zeigen, dass Menstruationsblut ein vielversprechender Ansatz für eine nichtinvasive Diagnostik sein könnte – diese Verfahren befinden sich jedoch noch klar im Forschungsstadium. Perspektivisch ist das durchaus spannend, aber noch nicht im klinischen Alltag angekommen.
Ein Speicheltest ist inzwischen tatsächlich verfügbar, auch in Deutschland. Der sogenannte Endo-Test kann über spezialisierte Zentren oder Fachpersonal durchgeführt werden. Er weist eine relativ hohe Genauigkeit von etwa 96,6 Prozent auf, ist allerdings eine Selbstzahlerleistung und mit rund 750 Euro recht kostenintensiv. Trotz dieser vielversprechenden Daten ist er bislang noch nicht so etabliert, dass er routinemäßig zur Diagnosesicherung eingesetzt wird.
Den muss man also selbst bezahlen?
Ja, derzeit ist das eine Selbstzahlerleistung.
Übernimmt die Krankenkasse denn die klassische Behandlung?
Die etablierten Behandlungsformen werden übernommen. Dazu gehören sowohl operative Eingriffe als auch hormonelle Therapien, einschließlich moderner und kostenintensiver Medikamente – zumindest im Rahmen der zugelassenen Therapien. Allerdings gibt es Unterschiede je nach Versicherungsstatus: Gesetzliche Krankenkassen übernehmen die Standardbehandlungen, während privat Versicherte je nach Tarif oft noch zusätzliche Leistungen abgedeckt bekommen.
Was würden Sie Frauen mit auf den Weg geben, die diese Symptome haben?
Ich denke, es ist ganz wichtig, die eigenen Beschwerden offen anzusprechen und auch aktiv nachzufragen: Könnte es sein, dass ich Endometriose habe? Viele Frauen kommen heute bereits sehr gut informiert in die Sprechstunde – sie haben ihre Symptome recherchiert und selbst den Verdacht entwickelt. Das ist grundsätzlich positiv.
Entscheidend ist jedoch, die Erkrankung möglichst früh zu erkennen, um langfristige Folgen wie etwa einen unerfüllten Kinderwunsch zu vermeiden. Je früher man handelt, desto besser lässt sich gegensteuern.
Wenn die Diagnose gestellt wurde, ist es aus meiner Sicht wichtig, dass Patientinnen die Erkrankung ernst nehmen und sich aktiv damit auseinandersetzen. Dazu gehört, empfohlene Therapien anzunehmen und sich auch eigenständig zu informieren.
Mittlerweile gibt es viele unterstützende Angebote, etwa digitale Gesundheitsanwendungen. Ein Beispiel ist die Endo-App, die Informationen, Anleitungen zu Schmerztherapien, Atemübungen und physiotherapeutische Übungen bietet, die auch selbstständig durchgeführt werden können.
Wichtig ist: Die Behandlung besteht nicht nur aus hormoneller Therapie. Es gibt viele Möglichkeiten, selbst zur Verbesserung der Lebensqualität beizutragen – allerdings erfordert das auch Eigeninitiative und eine bewusste Auseinandersetzung mit der Erkrankung.
Die gute Nachricht: Mit der richtigen Therapie lassen sich die Beschwerden in vielen Fällen deutlich lindern.