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2. März 2026
PMC Redaktion
Prof. Dr. Carina Riediger über Robotik, KI und multimodale Konzepte in der onkologischen Viszeralchirurgie – vom intraoperativen MRT bis zur individualisierten Tumortherapie

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Mit
Prof. Dr. med. Carina Riediger, MSc
Die onkologische Viszeralchirurgie befindet sich im Wandel. Neue Technologien, bildgestützte Navigation, robotische Systeme und die enge Verzahnung mit der medikamentösen Onkologie verändern, was heute für Patientinnen und Patienten mit Tumoren des Magen-Darm-Trakts, der Leber oder des Pankreas möglich ist.
In einem Vortrag bei Premium Medical Circle (PMC) präsentierte Prof. Dr. med. Carina Riediger, M.Sc., Chefärztin und Ärztliche Direktorin der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Marienhospital Stuttgart, einen umfassenden Überblick über den Stand der Dinge – und einen Ausblick auf das, was noch kommt.
Ein Meilenstein ist bereits Realität: In Dresden wurde erstmals ein intraoperatives MRT bei einer Leberresektion am offenen Abdomen durchgeführt. Eine internationale Konsensuskonferenz in Straßburg begleitete diese Entwicklung. Die zunehmende Technisierung des OP-Saals ist keine ferne Vision mehr, sondern gelebte Praxis.
Für Prof. Riediger ist dabei die Richtung eindeutig: „Wir müssen viele neue Technologien einbeziehen – von der künstlichen Intelligenz und bildgestützter Navigation bis hin zur Systemtherapie. Das Ziel bleibt immer dasselbe: die optimale Therapie für den individuellen Patienten zu finden."
Die robotische Chirurgie ist eines der meistdiskutierten Themen im Fach – und eines der am häufigsten missverstandenen. Prof. Riediger stellt unmissverständlich klar: „Der Roboter operiert nicht – der Chirurg operiert. Es ist nur ein Device. Man darf nicht den Fehler machen, den Roboter unkritisch einzusetzen. Man muss sich jedes Mal fragen: Warum Robotik? Welche Operationen machen robotisch Sinn?"
Die Geschichte der Robotik in der Chirurgie reicht zurück bis in die 1980er Jahre, als man in der Kriegsmedizin über transatlantische Fernoperationen nachdachte – ein Konzept, das sich als zu gefährlich erwies. Jahrzehnte später setzten Urologen das System bei Prostata-Resektionen erfolgreich ein, und um 2011 sprang die Viszeralchirurgie auf.
Heute zeigen Daten zur robotisch-assistierten Ösophagusresektion (RAMI) signifikant weniger Komplikationen im Vergleich zu offenen Eingriffen – insbesondere bei pulmonalen Komplikationen. Die Vorteile des Systems sind konkret: handgelenkartige Beweglichkeit der Instrumente, vierfache Armführung mit unabhängiger Kamerakontrolle, zehnfache Vergrößerung, Tremorfilterung und dreidimensionale Visualisierung. Hinzu kommt eine für die Patienten schonende Schnittführung mit minimalen Narben.
Besonders eindrücklich schilderte Prof. Riediger den Paradigmenwechsel in der Leberchirurgie. Lange galt: Eine Metastase auf einer Seite – noch kurativ behandelbar. Alles darüber hinaus – palliativ. Diese Sichtweise ist überholt. „Ein hepatobiliärer Chirurg sieht signifikant häufiger Resektionsmöglichkeiten als andere Fachgruppen. Wer sich mit der Leber auskennt, sieht einfach viel mehr", betont sie – und zieht daraus eine klare Konsequenz für die Praxis: „Immer wenn Sie einen Patienten haben, der vielleicht kurativ resektabel sein könnte, stellen Sie ihn in einem Zentrum vor."
Bei einer normalen Leber können heute 70 bis 80 Prozent des Organs entfernt werden – dank des sogenannten Prometheus-Effekts regeneriert sich das Lebergewebe auf nahezu die ursprüngliche Größe. Entscheidend für die Resektabilität sind die Tumorverteilung, die Tumorlast und vor allem die funktionelle Reservekapazität des verbleibenden Leberparenchyms.
Anhand einer jungen Patientin mit beidseitigen kolorektalen Lebermetastasen demonstrierte Prof. Riediger eindrücklich, was interdisziplinäre Zusammenarbeit leisten kann. Das Konzept erforderte Geduld, Präzision und eine klare Sequenzierung der Therapieschritte:
Das Lebervolumen entsprach am Ende wieder annähernd der ursprünglichen Größe – und die Patientin war zwei Jahre lang ohne Chemotherapie tumorfrei. Prof. Riediger fasst zusammen: „Das sind komplexe Konzepte, die über ein Jahr dauern – aber sie bringen den Patienten wirklich tumorfrei. Es lohnt sich wirklich, jeden Patienten vorzustellen."
Die Therapie wird noch individualisierter werden. Molekulare und genetische Profile werden künftig über die Therapiewahl mitentscheiden, denn nicht jeder Patient spricht gleich gut auf dieselbe Chemotherapie an. Künstliche Intelligenz wird dabei helfen, die passende Behandlung für jeden Einzelnen zu identifizieren.
Prof. Riediger ist überzeugt: „Wir müssen die interdisziplinäre Zusammenarbeit noch mehr pflegen als früher. Nur so können wir multimodale onkologische Konzepte anwenden – und durch all diese Möglichkeiten werden wir zukünftig hoffentlich die Prognose unserer Patienten verbessern."