
© Magnific
14. September 2026
Marianne Waldenfels
Kopfschmerzen, Durst, Übelkeit – die körperlichen Folgen einer durchzechten Nacht sind bekannt. Doch ein Kater kann auch die Psyche treffen. Neue Studien zeigen, warum manche Menschen am nächsten Tag besonders ängstlich, unruhig oder niedergeschlagen sind
Alkohol kann zunächst entspannen, Hemmungen lösen und Ängste dämpfen. Doch am nächsten Morgen ist von dieser Gelassenheit bei manchen wenig übrig. Auch eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit mehr als 6.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zeigt: Ein Kater geht nicht nur mit körperlichen Beschwerden einher. Angst, Stress und depressive Stimmung können ebenfalls stärker ausgeprägt sein.
Für diese psychische Seite des Katers hat sich inzwischen ein eigener Begriff etabliert: Hangxiety, zusammengesetzt aus „Hangover“ und „Anxiety“. Interessant ist vor allem, dass offenbar nicht jeder gleichermaßen davon betroffen ist. Neue Studien liefern Hinweise darauf, warum manche Menschen nach Alkohol vor allem unter den typischen Katerbeschwerden leiden, während bei anderen Unruhe, Grübeln und Angst hinzukommen.
Was hinter diesem Wechsel steckt, ist noch nicht vollständig geklärt. Alkohol verändert die Signalübertragung im Gehirn und greift unter anderem in Systeme ein, an denen die Botenstoffe GABA und Glutamat beteiligt sind. Sie regulieren, vereinfacht gesagt, dämpfende und anregende Prozesse im Nervensystem.
Auf die dämpfende Wirkung des Alkohols reagiert das Gehirn mit Gegenregulation. Sinkt der Alkoholspiegel wieder, kann das zuvor austarierte Verhältnis vorübergehend aus dem Gleichgewicht geraten. Diese Reaktion gilt als eine mögliche Erklärung dafür, warum auf die Entspannung einige Stunden später Nervosität und Angst folgen können.
Allein damit lässt sich Hangxiety allerdings nicht erklären. Auch Schlaf, körperliche Katerbeschwerden, Stressreaktionen und die individuelle psychische Verfassung spielen vermutlich eine Rolle.
Alkohol macht müde, sorgt aber nicht automatisch für erholsamen Schlaf. Eine 2025 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse mit 27 Studien zeigt, dass Alkohol die Schlafarchitektur verändert. Besonders deutlich ist der Effekt beim REM-Schlaf: Er setzt später ein und fällt kürzer aus. Veränderungen fanden sich bereits nach vergleichsweise niedrigen Alkoholmengen und wurden mit steigender Dosis stärker.
Für Hangxiety könnte das durchaus relevant sein. Schlafmangel beeinflusst schließlich auch, wie gut wir Emotionen regulieren. Der gestörte Schlaf erklärt die Angst am nächsten Morgen zwar nicht allein, kann aber dazu beitragen, dass negative Gedanken und Gefühle stärker ins Gewicht fallen.
Eine 2026 veröffentlichte Studie mit 334 jungen Erwachsenen liefert Hinweise darauf, warum Hangxiety manche Menschen stärker trifft als andere. Im Mittelpunkt stand die sogenannte Angstsensitivität, die Neigung, Anzeichen von Angst selbst als bedrohlich zu bewerten.
Wer sich stärker davor fürchtete, die Kontrolle über die eigenen Gedanken zu verlieren oder sich nicht konzentrieren zu können, berichtete einen Monat später auch stärkere Hangxiety. Für körperliche oder soziale Aspekte der Angstsensitivität zeigte sich dieser Zusammenhang dagegen nicht.
Dass persönliche Eigenschaften eine Rolle spielen, hatten bereits frühere Untersuchungen nahegelegt. So berichteten in einer Studie mit 97 sozialen Trinkern besonders schüchterne Menschen am Tag nach dem Alkoholkonsum stärkere Angst. Während des Trinkens war ihre Ängstlichkeit zunächst zurückgegangen, am nächsten Morgen kehrte sich dieser Effekt um.
Elektrolytpulver, Pflanzenextrakte, Vitamine oder spezielle „Hangover Drinks“ versprechen, den Morgen danach erträglicher zu machen. Die wissenschaftliche Bilanz fällt allerdings ernüchternd aus.
Eine systematische Übersichtsarbeit untersuchte 21 Studien zu verschiedenen Mitteln gegen Katerbeschwerden. Bei einzelnen Substanzen zeigten sich zwar positive Effekte, doch keine der untersuchten Behandlungen wurde in mehr als einer Studie getestet. Die Qualität der Evidenz bewerteten die Forschenden durchgehend als sehr niedrig. Ein verlässlich wirksames Anti-Kater-Mittel lässt sich daraus bislang nicht ableiten.
Noch weniger weiß man darüber, ob solche Präparate gegen die psychischen Beschwerden eines Katers helfen. Selbst wenn Kopfschmerzen oder Übelkeit nachlassen, müssen Angst, innere Unruhe oder Grübeln nicht zwangsläufig ebenfalls verschwinden. Gerade bei Hangxiety scheinen mehrere Faktoren zusammenzukommen – vom gestörten Schlaf bis zur individuellen Neigung zu Ängstlichkeit.
Angst oder Unruhe nach einer durchzechten Nacht bedeutet noch keine Angststörung. Treten starke Angst, Panik oder depressive Stimmung jedoch regelmäßig nach Alkoholkonsum auf oder halten die Beschwerden länger an, sollte man sie nicht automatisch einem Kater zuschreiben.
Auch wiederkehrende Hangxiety kann ein Anlass sein, den eigenen Alkoholkonsum genauer zu betrachten – besonders dann, wenn Alkohol zugleich genutzt wird, um Ängste oder Anspannung zu lindern.

Kollagen wird bei Gelenkschmerzen häufig empfohlen – oft mit dem Versprechen, sogar den Knorpel zu stärken. Eine große wissenschaftliche Auswertung zeichnet nun ein differenzierteres Bild. Orthopäde PD Dr. Daniel Berthold erklärt, wer von Kollagen profitieren könnte und wo die Wirkung an ihre Grenzen stößt.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Mit
PD Dr. med. Daniel P. Berthold

Starker Gewichtsverlust verändert den Körper – und nicht immer kann die Haut mithalten. Plastischer Chirurg Dr. Alexander de Heinrich erklärt, wann Body Contouring sinnvoll sein kann, warum Funktion und Ästhetik für ihn zusammengehören – und weshalb er von manchen Eingriffen bewusst abrät.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. Alexander de Heinrich

Eis, Rotlicht oder Supplements: Im Netz kursieren zahlreiche Methoden, die für bessere Spermien sorgen sollen. Urologe Dr. Daniel Kaminski erklärt, was davon wenig hilft – und welche Faktoren die Spermienqualität beeinflussen können.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Mit
Dr. med. Daniel Kaminski