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12. September 2026
Marianne Waldenfels
Vitamin D, Omega-3 und Glucosamin gelten als Klassiker fürs Healthy Aging. Doch gleich mehrere neue Studien liefern überraschende Hinweise: Bei älteren Menschen könnten manche Supplements anders wirken als gedacht.
Vitamin D für die Knochen, Omega-3 fürs Gehirn, Glucosamin für die Gelenke – gerade mit zunehmendem Alter greifen viele Menschen zu diesen drei Klassikern, um möglichst lange fit zu bleiben. Innerhalb weniger Monate sind nun gleich mehrere Studien erschienen, die ausgerechnet bei diesen Nahrungsergänzungsmitteln eine überraschende Frage aufwerfen: Wirken sie im alternden Gehirn womöglich anders als erhofft – und unter bestimmten Umständen sogar ungünstig?
Die Ergebnisse stammen teilweise aus Beobachtungsdaten, können Ursache und Wirkung also nicht beweisen. Sie lenken den Blick aber auf eine bisher wenig gestellte Frage: Ist ein Nährstoff, der für den Körper wichtig ist, automatisch auch als Supplement und in jedem Alter von Vorteil?
Dass Medikamente im Alter anders dosiert werden müssen, weil sich Nierenfunktion, Stoffwechsel und Körperzusammensetzung verändern, ist medizinischer Standard. Bei Nahrungsergänzungsmitteln wird diese Frage erstaunlich selten gestellt. Dabei verändern sich mit dem Alter auch Stoffwechselprozesse im Gehirn und damit möglicherweise die Bedingungen, unter denen einzelne Substanzen wirken.
Genau hier setzen die neuen Untersuchungen an. Sie zeigen noch nicht, dass bestimmte Supplements im Alter grundsätzlich anders wirken. Aber sie liefern Gründe, genauer hinzusehen.
Vitamin D ist für Knochen und Muskeln wichtig. Niedrige Vitamin-D-Spiegel werden außerdem seit Jahren mit einem höheren Risiko für kognitiven Abbau in Verbindung gebracht. Daraus entstand die Hoffnung, eine Supplementierung könne möglicherweise auch das Gehirn schützen.
Eine 2026 in „BMJ Open“ veröffentlichte Studie liefert nun ein überraschendes Ergebnis. Forschende werteten Daten von 5.065 Teilnehmenden der US-amerikanischen Health and Retirement Study aus, die zu Studienbeginn im Durchschnitt 67,5 Jahre alt waren. Rund 40 Prozent nahmen Vitamin-D-Präparate.
Über sechs Jahre nahm die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit bei den Supplement-Nutzenden etwas schneller ab als bei Menschen, die kein Vitamin D einnahmen. Auch bei der Exekutivfunktion, zu der beispielsweise Planen, Problemlösen und Aufmerksamkeit gehören, zeigte sich dieser Zusammenhang.
Besonders interessant war eine Sensitivitätsanalyse: Der schnellere Rückgang zeigte sich bei Menschen, deren Vitamin-D-Spiegel zu Studienbeginn bereits im Normalbereich lag, nicht dagegen bei jenen mit niedrigen Werten.
Für die Praxis ist diese Unterscheidung entscheidend. Die Studie spricht nicht dagegen, einen diagnostizierten Vitamin-D-Mangel zu behandeln. Auch bei Osteoporose beziehungsweise im Rahmen einer Osteoporosebehandlung kann eine ausreichende Vitamin-D-Versorgung wichtig sein. Fraglich ist vielmehr, ob eine zusätzliche Einnahme bei bereits ausreichender Versorgung auch der geistigen Leistungsfähigkeit nützt.
Bei kaum einem Nahrungsergänzungsmittel ist die Verbindung zur Gehirngesundheit so fest verankert wie bei Omega-3. Vor allem DHA ist ein wichtiger Bestandteil der Zellmembranen von Nervenzellen. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch schließen, dass zusätzliche Fischölkapseln das Gehirn vor altersbedingtem Abbau schützen.
Eine 2026 veröffentlichte Analyse von Daten der Alzheimer's Disease Neuroimaging Initiative kam sogar zu einem entgegengesetzten Ergebnis : Bei älteren Menschen, die Omega-3-Präparate einnahmen, verschlechterte sich die kognitive Leistungsfähigkeit auf drei unterschiedlichen Testskalen schneller als bei vergleichbaren Personen ohne Supplementierung.
Warum, lässt sich aus der Studie nicht beantworten. Weder Amyloid-Ablagerungen noch Tau-Proteine oder der Verlust grauer Hirnsubstanz schienen den beobachteten Unterschied zu erklären. Auffällig war stattdessen ein stärker abnehmender Glukosestoffwechsel in Hirnregionen, die bei Alzheimer besonders betroffen sind.
Die Untersuchung blieb nicht unwidersprochen. In einem später veröffentlichten wissenschaftlichen Kommentar wurden mehrere methodische Einschränkungen hervorgehoben. So erfassten die verwendeten Daten die Einnahme von Omega-3 nur begrenzt; detaillierte Informationen zu Dosierung, Zusammensetzung und Qualität der Präparate fehlten. Auch eine umgekehrte Kausalität ist denkbar: Manche Menschen könnten gerade wegen erster Gedächtnisprobleme begonnen haben, Omega-3 einzunehmen.
Am weitesten weg vom erwarteten Anwendungsgebiet liegt Glucosamin. Der Stoff wird vor allem bei Gelenkbeschwerden und Arthrose eingesetzt, mit dem Gehirn wird er normalerweise kaum in Verbindung gebracht.
Eine 2026 in „Nature Metabolism“ veröffentlichte Studie untersuchte einen Stoffwechselprozess, der als Glykosylierung bezeichnet wird. Dabei werden bestimmte Zuckerstrukturen an Proteine und andere Moleküle angeheftet. Die Forschenden fanden Hinweise darauf, dass dieser Prozess im Gehirn bei Alzheimer verändert sein könnte.
Im Tiermodell erhielten Alzheimer-Mäuse Glucosamin in einer Dosierung, die sich an üblichen Supplementmengen orientierte. Ihre Gedächtnisleistung verschlechterte sich. Bei gesunden Mäusen zeigte sich dieser Effekt dagegen nicht.
Anschließend wertete das Team große Mengen an Patientendaten aus, darunter rund 25.000 Menschen mit Alzheimer und 42.000 mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI). Bei Menschen mit MCI war eine dokumentierte Glucosamin-Einnahme häufiger mit einem Fortschreiten zur Alzheimer-Demenz verbunden. Bei Menschen mit bereits bestehender Demenz zeigte sich zudem ein Zusammenhang mit höherer Sterblichkeit.
Für eine Warnung vor Glucosamin reichen diese Daten jedoch nicht aus. Die Ergebnisse beim Menschen stammen aus retrospektiven Beobachtungen, bei denen andere Gesundheitsfaktoren eine Rolle gespielt haben könnten. Auffällig sind die Befunde vor allem bei Menschen mit bereits bestehender kognitiver Beeinträchtigung oder Demenz. Ob der im Labor beobachtete Mechanismus beim Menschen tatsächlich relevant ist, muss erst weitere Forschung zeigen.
Pauschal absetzen sollte deshalb niemand eines der Präparate. Besonders bei Vitamin D ist die Unterscheidung wichtig: Ein diagnostizierter Mangel oder eine medizinisch begründete Einnahme, etwa im Rahmen einer Osteoporosebehandlung, ist etwas anderes als eine vorsorgliche Supplementierung bei bereits guter Versorgung.
Auch bei Omega-3 und Glucosamin reichen die neuen Daten nicht für allgemeine Empfehlungen. Wer eines der Präparate aus medizinischen Gründen einnimmt, sollte die Einnahme nicht aufgrund dieser Studien eigenständig verändern.
Der interessante Punkt an den neuen Studien ist deshalb nicht, dass drei bekannte Supplements plötzlich als schädlich gelten. Vielmehr stellen sie eine Gewissheit infrage, die den Boom der Nahrungsergänzungsmittel seit Jahren begleitet: Ein Stoff, den der Körper benötigt oder der in bestimmten Situationen Vorteile hat, muss als zusätzliche Dosis nicht automatisch noch mehr Nutzen bringen.
Gerade beim Healthy Aging könnte deshalb eine andere Frage wichtiger werden als die Suche nach dem nächsten vermeintlichen Longevity-Supplement: Nicht „Was sollte ich zusätzlich einnehmen?“, sondern „Was brauche ich tatsächlich?“

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