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13. September 2026
Marianne Waldenfels
Maitake ist vor allem als Speisepilz bekannt, wird aber auch als Vitalpilz immer beliebter. Jetzt liefern zwei neue Studien am Menschen überraschende Hinweise auf mögliche Effekte auf Gehirn und Immunsystem – allerdings nicht bei jedem untersuchten Maitake gleichermaßen.
Reishi steht für Entspannung, Löwenmähne für Konzentration, Chaga gilt als neuer Liebling der Longevity-Szene. Vitalpilze haben längst den Sprung aus der traditionellen asiatischen Küche in Pulver, Kapseln und Wellness-Drinks geschafft. Nun rückt ein weiterer Pilz stärker in den Fokus: Maitake.
In Japan wird der auch als Klapperschwamm bekannte Pilz seit Langem gegessen. Interessant für die Forschung sind vor allem seine Beta-Glucane – komplexe Kohlenhydrate, die mit dem Immunsystem interagieren können. Wie so oft bei Vitalpilzen war der Hype bislang allerdings größer als die klinische Evidenz. Viele der vermeintlichen Wirkungen stammten aus dem Labor, aus Tierversuchen oder kleinen Untersuchungen.
Nun gibt es neue Daten. 2026 sind gleich zwei randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studien am Menschen erschienen: eine zu kognitiven Fähigkeiten, die andere zum Immunsystem. Bemerkenswert ist dabei nicht nur, dass Maitake einen Effekt zeigte. Sondern welcher Maitake.
Für die erste 2026 veröffentlichte Studie untersuchten Forschende 47 gesunde Japanerinnen und Japaner ab 60 Jahren. 18 Wochen lang bekamen sie täglich Brot, entweder mit Maitake des Stammes Y10M, mit Maitake des Stammes C5304 oder ganz ohne Maitake. Die verwendete Menge entsprach jeweils 50 Gramm frischem Pilz.
Vor und nach der Intervention absolvierten die Teilnehmenden unter anderem das Montreal Cognitive Assessment, kurz MoCA. Der Test prüft Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache und Orientierung und wird häufig eingesetzt, um erste Hinweise auf leichte kognitive Beeinträchtigungen zu erkennen.
Nach 18 Wochen schnitt die Y10M-Gruppe besser ab als die Placebogruppe. Beim zweiten Maitake-Stamm C5304 zeigte sich dieser Unterschied nicht.
Das klingt zunächst nach einer kleinen Sensation: ein Speisepilz, der die kognitive Leistung verbessern könnte. Ganz so weit ist die Forschung allerdings nicht. 47 Teilnehmende sind wenig, 18 Wochen eine kurze Zeit. Und untersucht wurden gesunde ältere Menschen, nicht Menschen mit oder bereits diagnostizierten kognitiven Einschränkungen.
Die Studie zeigt also nicht, dass Maitake vor Demenz schützt. Sie liefert einen ersten Hinweis darauf, dass ein bestimmter Maitake-Stamm kognitive Prozesse beeinflussen könnte.
Parallel zur kognitiven Leistung untersuchten die Forschenden auch verschiedene Parameter des Immunsystems und stießen auf einen auffälligen Zusammenhang.
In der Y10M-Gruppe nahm die Aktivität sogenannter natürlicher Killerzellen zu. Sie gehören zur angeborenen Immunabwehr und erkennen unter anderem virusinfizierte oder veränderte Körperzellen. Auffällig war, dass die höhere Aktivität dieser Zellen mit den besseren MoCA-Werten einherging.
Könnte also ausgerechnet das Immunsystem erklären, warum sich die kognitiven Werte veränderten?
Möglich ist es. Bewiesen ist es nicht. Die Forschenden selbst diskutieren eine Verbindung zwischen Immunfunktion und Kognition, aus der beobachteten Korrelation lässt sich jedoch keine Ursache ableiten.
Und noch etwas gehört zur Geschichte: Mehrere Autorinnen und Autoren arbeiten in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des japanischen Pilzproduzenten Yukiguni Factory. Das entwertet eine Studie nicht. Gerade bei einer noch kleinen Datenlage sind unabhängige Wiederholungen der Ergebnisse aber besonders wichtig.
Eine zweite im August 2026 veröffentlichte randomisierte Doppelblindstudie ging der Immunfrage noch gezielter nach. Diesmal nahmen 166 gesunde Menschen in Japan teil. Wieder wurden die Maitake-Stämme Y10M und C5304 mit einem Placebo verglichen.
Die zentrale Frage war ausgesprochen alltagstauglich: Werden Menschen, die Maitake essen, seltener krank? Die Antwort lautet bislang: nein.
Die Häufigkeit von Infekten der oberen Atemwege unterschied sich insgesamt nicht zwischen den Gruppen. Wer Maitake aß, bekam also nicht grundsätzlich seltener eine Erkältung.
Ganz ohne Signal blieb die Studie trotzdem nicht. In der Y10M-Gruppe gab es in beiden untersuchten Altersgruppen weniger Tage mit Fieber und laufender Nase. Bei den jüngeren Teilnehmenden kamen weniger Tage mit Halsschmerzen hinzu. Gleichzeitig veränderten sich verschiedene Parameter der angeborenen Immunabwehr.
Und erneut fiel derselbe Maitake-Stamm auf: Y10M. C5304 zeigte deutlich weniger konsistente Effekte.
Genau darin liegt vielleicht die interessanteste Erkenntnis der neuen Forschung. Bei Vitalpilzen sprechen wir meist über Arten: Maitake soll dieses können, Reishi jenes, Löwenmähne wiederum etwas anderes. Tatsächlich können sich aber bereits verschiedene Stämme derselben Pilzart unterscheiden.
Das kennt man aus anderen Bereichen der Ernährung durchaus. Auch ein Apfel ist nicht einfach ein Apfel. Sorte, Anbau und Verarbeitung beeinflussen ihre Zusammensetzung. Bei Pilzen kommt hinzu, dass sich auch die Struktur ihrer Beta-Glucane unterscheiden kann.
Und dabei zählt offenbar nicht nur, wie viel davon enthalten ist. Struktur, Verzweigung, Molekülgröße und Löslichkeit können beeinflussen, wie Beta-Glucane im Körper wirken. Besonders interessant: In der neuen Immunstudie enthielten die beiden Maitake-Stämme vergleichbare Mengen an Beta-Glucanen. Trotzdem waren ihre Effekte nicht dieselben.
Für Nahrungsergänzungsmittel ist das keine Nebensache. Auf einer Packung kann „Maitake“ stehen, ohne dass damit automatisch derselbe Pilz gemeint ist, der in einer Studie untersucht wurde.
Auch ein anderes beliebtes Wellness-Versprechen gerät durch die Studien ins Wanken: die Vorstellung, man müsse das Immunsystem nur ordentlich „boosten“. So einfach arbeitet unser Körper nicht.
Wenn sich bestimmte Immunmarker verändern, bedeutet das noch lange nicht, dass wir dadurch seltener krank werden. Die aktuelle Maitake-Studie demonstriert das fast mustergültig: Die Forschenden sahen Veränderungen der Immunantwort und weniger Tage mit einzelnen Erkältungssymptomen, aber insgesamt nicht weniger Atemwegsinfekte.
Dass Maitake das Immunsystem offenbar nicht einfach nur hochreguliert, zeigte bereits eine frühere Phase-I/II-Studie mit 34 Frauen nach einer Brustkrebsbehandlung. Je nach Dosis wurden einige untersuchte Immunparameter verstärkt, andere abgeschwächt.
Ein gutes Immunsystem ist schließlich nicht eines, das möglichst stark reagiert, sondern eines, das im richtigen Moment angemessen reagiert.
Das dürfte nach solchen Studien die naheliegendste Frage sein. Bemerkenswert ist immerhin, dass die Teilnehmenden keine hoch konzentrierten Kapseln schluckten. Sie bekamen Brot mit einer Menge Maitake, die täglich etwa 50 Gramm frischem Pilz entsprach.
Maitake ist ein Speisepilz. Er lässt sich braten, dünsten oder in Suppen und anderen Gerichten verwenden. Nur folgt daraus noch keine Verzehrempfehlung für Gehirn oder Immunsystem.
In den Studien wurde der Pilz täglich und über viele Wochen gegessen. Vor allem aber wurde jeweils ein exakt definierter Maitake-Stamm untersucht. Ob ein Maitake aus dem Supermarkt dieselben Eigenschaften besitzt, wissen wir nicht.
Bei Supplements wird die Übertragung noch schwieriger. Pulver und Extrakte können sich in Konzentration und Zusammensetzung erheblich unterscheiden. Ein Studienergebnis zu Y10M ist deshalb kein Wirksamkeitsnachweis für eine beliebige Kapsel, auf der vorne „Maitake“ steht.
Für einen Vitalpilz sind die beiden neuen Untersuchungen ungewöhnlich interessant: Es handelt sich nicht nur um Zellversuche oder Experimente an Mäusen, sondern um randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studien am Menschen. Ein Durchbruch sind sie trotzdem nicht.
Die Kognitionsstudie war klein. Die größere Immunstudie fand beim wichtigsten klinischen Endpunkt – der Zahl der Atemwegsinfekte – keinen Vorteil. Beide Untersuchungen stammen aus Japan, verwendeten dieselben Maitake-Stämme und überschneiden sich teilweise bei den beteiligten Forschenden.
Vom Versprechen eines neuen Superfoods ist die Forschung damit noch weit entfernt. Aber sie hat eine interessante Spur gefunden: Ein bestimmter Maitake-Stamm zeigte in zwei Studien Effekte, die nun unabhängig und mit größeren Gruppen überprüft werden müssten.
Vor allem machen die Studien deutlich, wie wenig sich die Wirkung von Vitalpilzen pauschalisieren lässt. Denn Maitake ist offenbar nicht einfach Maitake.

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