
© Anna Shvets
30. Juli 2026
Marianne Waldenfels
Kann eine sanfte Gesichtsmassage die natürliche Reinigung des Gehirns unterstützen? Eine neue Cell-Studie hat erstmals den vollständigen Abflussweg des Nervenwassers entschlüsselt. Warum das für die Demenzforschung spannend ist – und was bisher nicht belegt ist
Unser Gehirn besitzt ein eigenes Reinigungssystem. Rund um die Uhr transportiert es Stoffwechselabfälle über das Nervenwasser ab, darunter auch Eiweißstoffe wie Beta-Amyloid, die mit der Alzheimer-Erkrankung in Verbindung gebracht werden. Funktioniert diese „Müllabfuhr“ nicht mehr richtig, können sich solche Ablagerungen im Gehirn ansammeln.
Ein internationales Forschungsteam um Dr. Koh Gou-young vom Institute for Basic Science (IBS) in Südkorea hat nun erstmals den vollständigen Weg entschlüsselt, über den das Gehirn diese Abfallstoffe entsorgt. Die im Fachjournal Cellveröffentlichte Studie liefert zugleich eine überraschende Beobachtung: In den Experimenten ließ sich der Lymphabfluss durch eine sanfte Massage im Gesichts- und Halsbereich verbessern.
Wichtig ist jedoch die Einordnung: Dass eine solche Massage das Demenzrisiko senkt oder Alzheimer vorbeugt, wurde bislang nicht beim Menschen nachgewiesen. Die Studie liefert vielmehr erstmals einen biologischen Mechanismus, der erklären könnte, warum eine mechanische Stimulation der Lymphgefäße überhaupt einen Effekt haben könnte.
Dass das Gehirn Stoffwechselabfälle über das Nervenwasser abtransportiert, ist seit Langem bekannt. Offen blieb jedoch eine entscheidende Frage: Wie gelangt diese Flüssigkeit durch die schützende Hirnhaut (Arachnoidea) in die Lymphgefäße?
Genau diese Lücke hat das Team um Koh nun geschlossen. Mithilfe hochauflösender 3D-Bildgebung und Elektronenmikroskopie entdeckten die Forschenden winzige Öffnungen in der Arachnoidea. Diese sogenannten Arachnoid-Fenestrationen dienen offenbar als Durchgänge, über die das Nervenwasser direkt in die Lymphgefäße rund um Nase und Augen gelangt und schließlich zu den Lymphknoten im Hals abfließt.
„Wir haben endlich das lange bestehende Rätsel geklärt, wie Nervenwasser die Arachnoidea durchquert“, erklärte Koh in Medienberichten nach Veröffentlichung der Studie.

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Besonders interessant waren die Ergebnisse bei älteren Versuchstieren. Mit zunehmendem Alter fanden die Forschenden deutlich weniger dieser mikroskopischen Öffnungen. Dadurch funktionierte der Abtransport der Flüssigkeit messbar schlechter.
In weiteren Experimenten konnten sie diesen altersbedingten Rückgang teilweise rückgängig machen. Mithilfe einer gentherapeutischen Gabe des Lymphgefäß-Wachstumsfaktors VEGF-C in die Nasenschleimhaut regenerierten sich die Lymphgefäße, und der Flüssigkeitsabfluss erreichte wieder nahezu das Niveau junger Tiere.
Noch handelt es sich dabei ausschließlich um Grundlagenforschung. Bis aus diesem Ansatz eine mögliche Behandlung für Menschen entstehen könnte, dürften nach Einschätzung der Forschenden noch viele Jahre vergehen.
Die Studie wurde überwiegend an Mäusen durchgeführt. Für wichtige anatomische Befunde untersuchten die Forschenden zusätzlich Javaneraffen, deren Lymphsystem dem des Menschen ähnlicher ist.
Ob sich die Ergebnisse tatsächlich auf den Menschen übertragen lassen, muss nun in weiteren Studien geklärt werden. Geplant sind Untersuchungen an menschlichem Gewebe sowie langfristig Sicherheits- und Wirksamkeitsstudien möglicher Therapien.
Hong Sun-pyo, Mitautor der Studie, betont deshalb, dass zunächst besser verstanden werden müsse, wie diese neu entdeckten Abflusswege beim Menschen funktionieren. Langfristig könnten daraus neue Behandlungsansätze für verschiedene neurodegenerative Erkrankungen entstehen.
Besonders viel Aufmerksamkeit dürfte jedoch ein weiterer Teil der Studie erhalten. Bereits in einer früheren Arbeit hatte das Forschungsteam Lymphgefäße im Gesichtsbereich rund um Augen und Nase beschrieben. Die neuen Ergebnisse liefern nun eine plausible Erklärung dafür, warum eine sanfte mechanische Stimulation dieser Regionen den Lymphabfluss unterstützen könnte.
In Laborversuchen verbesserte sich durch eine leichte Massage die Flüssigkeitsdrainage. Daraus leitet Koh eine einfache Selbstmassage ab, die jeder problemlos durchführen könne.
Entscheidend ist jedoch die Einordnung: Diese Beobachtung stammt aus tierexperimentellen und laborbasierten Untersuchungen. Bislang existiert keine klinische Studie, die zeigt, dass Gesichtsmassagen beim Menschen das Demenzrisiko senken oder Alzheimer verhindern.
Die Technik ist einfach, kostet nichts und lässt sich mehrmals täglich anwenden:
• Leichten Druck anwenden – vergleichbar mit dem Druck auf eine Heidelbeere, die auf der Haut liegt. Fester Druck bringt laut Koh keinen zusätzlichen Nutzen.
• Mit beiden Zeigefingern vom äußeren Augenwinkel entlang zur Kieferlinie streichen.
• Anschließend von den Nasenflügeln zur Kieferlinie streichen.
• Zum Abschluss vom Kinn abwärts über den Hals streichen, in Richtung der Lymphknoten im Nacken.
Koh selbst beschreibt den Nutzen bewusst niedrigschwellig: Die Übung koste nichts, tue gut und lasse sich als bewusste Alternative zum Griff zum Smartphone in kurzen Pausen einbauen.
Die eigentliche Bedeutung der Studie liegt nicht darin, dass Gesichtsmassagen nun als Schutz vor Demenz gelten könnten. Viel wichtiger ist, dass Forschende erstmals den vollständigen Abflussweg des Nervenwassers entschlüsselt haben – eine zentrale Erkenntnis für das Verständnis der natürlichen „Reinigungsfunktion“ des Gehirns.
Sollten sich diese Ergebnisse künftig auch beim Menschen bestätigen, könnten sie langfristig den Weg für neue Therapien ebnen, die den Abtransport schädlicher Eiweißablagerungen unterstützen. Die empfohlene Gesichtsmassage bleibt dagegen vorerst eine interessante, risikoarme Maßnahme, deren möglicher Nutzen wissenschaftlich noch nachgewiesen werden muss.