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19. Mai 2026
Kimmy Fischer
Schmerzen, Erschöpfung oder diffuse Beschwerden: Viele Patient:innen fühlen sich beim Arzt nicht ernst genommen. Woran Sie Medical Gaslighting erkennen können

Mit
Dr. med. Susanne Steinkraus
Sie kommen mit Schmerzen in die Arztpraxis. Mit Erschöpfung, Schlafproblemen oder Symptomen, die Ihren Alltag stark belasten. Doch statt Antworten oder Diagnosen zu erhalten, hören Sie Sätze wie:
„Das ist bestimmt nur Stress."
„Dafür sind Sie noch zu jung.“
„Das ist wahrscheinlich psychisch.“
Besonders Frauen berichten davon, dass ihre Beschwerden heruntergespielt, vorschnell als Stressreaktion eingeordnet oder nicht ausreichend untersucht werden. Für dieses Phänomen gibt es inzwischen einen Begriff: Medical Gaslighting.
Der Begriff „Gaslighting“ stammt ursprünglich aus der Psychologie und beschreibt eine Form der emotionalen Manipulation, bei der eine Person systematisch dazu gebracht wird, ihre eigene Wahrnehmung, Erinnerung oder Realität in Frage zu stellen.
Im medizinischen Kontext bedeutet das: Patient:innen fühlen sich durch Aussagen oder Verhaltensweisen von Ärzt:innen nicht ernst genommen und beginnen irgendwann selbst zu hinterfragen, ob ihre Beschwerden überhaupt real sind.
Wichtig: Nicht jede Fehldiagnose oder falsche Einschätzung ist automatisch Medical Gaslighting. Das Problem entsteht vor allem dann, wenn Symptome wiederholt abgewertet, ignoriert oder vorschnell erklärt werden, ohne mögliche Ursachen ausreichend zu prüfen.
Schmerzen, Erschöpfung oder andere Beschwerden werden als „nicht so schlimm“ dargestellt.
Obwohl Beschwerden wiederholt geschildert werden, erfolgen keine weiteren diagnostischen Schritte.
Stress, Angst oder emotionale Belastungen werden als Erklärung genannt, bevor körperliche Ursachen ausgeschlossen wurden.

Physiotherapeut und Health Coach Andreas Stollreiter über die Philosophie der Osteopathie, die Suche nach den Ursachen von Beschwerden und die überraschenden Verbindungen zwischen Bewegungsapparat, Darm, Nervensystem und Psyche
Christine Bürg and Marianne Waldenfels
Viele Betroffene berichten, dass sie nach Terminen an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifeln.
Wer immer wieder erklären muss, warum Beschwerden real sind, erlebt häufig genau diese Form von Gaslighting.
Wenn Beschwerden wiederholt bagatellisiert werden, kann das dazu führen, dass Diagnosen erst spät gestellt werden.
Viele Erkrankungen entwickeln sich schleichend und zeigen zunächst unspezifische Symptome. Werden diese über längere Zeit nicht ernst genommen, kann wertvolle Zeit verloren gehen.
Gleichzeitig leiden viele Betroffene unter Selbstzweifeln, Frustration und dem Gefühl, mit ihren Problemen allein zu sein.
Ein Symptomtagebuch kann helfen, Beschwerden konkret zu erfassen und Entwicklungen sichtbar zu machen.
Notieren Sie vor dem Termin wichtige Punkte und Symptome.
Niemand muss bei gesundheitlichen Fragen bei einer einzigen Einschätzung bleiben.
Wer Schmerzen, Erschöpfung oder andere Beschwerden erlebt, hat das Recht, ernst genommen zu werden.
Welche Maßnahmen können Ärzt:innen ergreifen, um Medical Gaslighting zu verhindern?
Eine offene Kommunikation mit den Patient:innen und das Schaffen eines vertrauensvollen Umfelds sind entscheidend.
Haben Sie persönlich schon Fälle erlebt, in denen Patient:innen das Gefühl hatten, nicht ernst genommen zu werden, und wie sind Sie damit umgegangen?
Mit Empathie und echtem Interesse für die Patient:innen wird man immer eine gemeinsame und befriedigende Lösung finden.
Wie gehen Sie mit der Herausforderung um, wenn die Symptome eines Patienten medizinisch nicht erklärbar sind, aber dennoch ernst genommen werden müssen?
Hier kann eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Fachärzt:innen sinnvoll sein, um die Symptome ganzheitlich zu betrachten und den Patient:innen wirklich zu unterstützen.
Welche Faktoren tragen dazu bei, dass es in der Arzt-Patienten-Beziehung zu Medical Gaslighting kommen kann?
Zeitdruck in der Praxis, unzureichende Schulung in der Kommunikation mitPatient:innen und Vorurteile können zum Beispiel solche Faktoren sein.
Sollte Medical Gaslighting Ihrer Meinung nach mehr in der medizinischen Ausbildung thematisiert werden?
Eine stärkere Fokussierung auf Kommunikation, Empathie und die Bedeutung der Patientenperspektive könnte dazu beitragen, das Bewusstsein für dieses Problem zu schärfen und die Arzt-Patienten-Beziehung zu verbessern.
Patient:innen sollten ihrer eigenen Wahrnehmung vertrauen dürfen. Wer Schmerzen oder Beschwerden hat, sollte nicht darum kämpfen müssen, ernst genommen zu werden.
Je sichtbarer Medical Gaslighting wird, desto größer ist die Chance auf eine Medizin, die nicht nur Krankheiten behandelt, sondern auch den Menschen dahinter sieht.
Studien und Erfahrungsberichte zeigen, dass insbesondere Frauen häufiger erleben, dass Schmerzen oder Symptome als „psychisch“, „hormonell“ oder „stressbedingt“ eingeordnet werden. Besonders häufig wird darüber im Zusammenhang mit Endometriose, Autoimmunerkrankungen oder chronischen Schmerzen berichtet.
Es kann helfen, Symptome schriftlich festzuhalten, gezielt Fragen vorzubereiten und eine zweite medizinische Meinung einzuholen. Wichtig ist außerdem, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und Beschwerden klar anzusprechen.
Nicht unbedingt. Auch erfahrene Ärzt können Symptome zunächst falsch einschätzen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn Beschwerden wiederholt heruntergespielt oder nicht weiter untersucht werden.
Betroffene berichten besonders häufig bei Endometriose, Fibromyalgie, Autoimmunerkrankungen, chronischen Schmerzen, Migräne oder Long Covid von solchen Erfahrungen.