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13. Juli 2026
Birgitta Dunckel
Viele Frauen verzichten aus Angst vor Nebenwirkungen auf eine Hormonersatztherapie. Doch aktuelle Leitlinien bewerten Nutzen und Risiken heute deutlich differenzierter als noch vor 20 Jahren

Mit
Dr. Petra Eisenmann
Mehr als neun Millionen Frauen in Deutschland befinden sich derzeit in den Wechseljahren. Rund jede dritte leidet unter Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen oder Herzklopfen, die den Alltag und die Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigen können. Im Durchschnitt dauert diese Lebensphase etwa sieben Jahre, bei manchen Frauen auch deutlich länger.
Die wirksamste Behandlung gegen ausgeprägte Wechseljahresbeschwerden ist nach übereinstimmender Einschätzung nationaler und internationaler Fachgesellschaften die Hormonersatztherapie (Hormone Replacement Therapy, HRT). Dennoch entscheiden sich viele Frauen gegen eine Behandlung, oft aus Sorge vor möglichen Risiken.
Der Grund liegt vor allem in der viel diskutierten Women's Health Initiative (WHI)-Studie aus dem Jahr 2002. Ihre ersten Ergebnisse sorgten weltweit für große Verunsicherung und veränderten den Umgang mit der Hormonersatztherapie nachhaltig. Heute wird die Studienlage jedoch deutlich differenzierter bewertet.
Moderne Leitlinien berücksichtigen allerdings unter anderem das Alter der Patientinnen, den Zeitpunkt des Therapiebeginns sowie die Art der verwendeten Hormone. Für viele gesunde Frauen unter 60 Jahren oder innerhalb von zehn Jahren nach Beginn der Menopause überwiegt deshalb bei starken Beschwerden der Nutzen der Behandlung. Dies betonen unter anderem die deutsche S3-Leitlinie "Peri- und Postmenopause", die The Menopause Society sowie die International Menopause Society.

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Viele Frauen verzichten aus Angst vor Nebenwirkungen auf eine Hormonersatztherapie. Doch aktuelle Leitlinien bewerten Nutzen und Risiken heute deutlich differenzierter als noch vor 20 Jahren
Birgitta Dunckel

Mit
Dr. Petra Eisenmann
Während der Wechseljahre nimmt die Produktion der weiblichen Geschlechtshormone – insbesondere des Östrogens – allmählich ab. Dadurch können zahlreiche Beschwerden entstehen.
Die Hormonersatztherapie gleicht diesen Hormonmangel teilweise aus. Ziel ist dabei jedoch nicht, den Hormonspiegel auf das Niveau jüngerer Jahre zurückzubringen. Vielmehr sollen die Beschwerden gelindert und die Lebensqualität verbessert werden. Voraussetzung ist, dass die Symptome tatsächlich mit der Menopause zusammenhängen und andere Ursachen ausgeschlossen wurden.
Kaum ein medizinisches Thema wurde in den vergangenen Jahrzehnten so kontrovers diskutiert wie die Hormonersatztherapie. Auslöser war die Women's Health Initiative (WHI), eine große US-amerikanische Studie, deren erste Ergebnisse 2002 veröffentlicht wurden.
Damals berichteten die Forschenden über ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Schlaganfälle, Herzinfarkte und Thrombosen bei Frauen, die eine kombinierte Therapie aus Östrogen und Gestagen erhielten. Die Studie wurde daraufhin vorzeitig beendet. Weltweit brachen Millionen Frauen ihre Hormontherapie ab, und auch viele Ärztinnen und Ärzte wurden deutlich zurückhaltender bei der Verordnung.
Heute wird die WHI deutlich differenzierter eingeordnet. So waren die Teilnehmerinnen bei Studienbeginn im Durchschnitt 63 Jahre alt und befanden sich häufig bereits viele Jahre nach der Menopause – also deutlich später, als heute eine Hormonersatztherapie üblicherweise begonnen wird. Inzwischen zeigen zahlreiche Nachanalysen und weitere Studien, dass Alter, Vorerkrankungen, Präparate und Therapiebeginn einen entscheidenden Einfluss auf Nutzen und Risiken haben.
Deshalb empfehlen Fachgesellschaften heute, zwischen Frauen mit frühem Therapiebeginn und älteren Patientinnen klar zu unterscheiden.
„Die HRT hat in den letzten Jahren mehrere Veränderungen und Entwicklungen durchlaufen,“ erklärt Dr. Petra Eisenmann, Gynäkologin in der Münchner Gemeinschaftspraxis Pranner15, die viele betroffene Frauen auf ihrem Weg begleitet. „Der Fokus wird auf eine individualisierte Therapie gelegt.
Die Risiken und Vorteile wurden neu bewertet. Zum Einsatz kommen die Hormone transdermal, zum Beispiel als Gels oder Pflaster, die auf die Bedürfnisse der Frau zugeschnitten sind. Im Vergleich zu den früheren Präparaten hat die transdermale Applikation ein niedrigeres thrombogenes Risiko.“
Für Frauen mit ausgeprägten Wechseljahresbeschwerden gilt die Hormonersatztherapie heute als die wirksamste Behandlung. Darin sind sich die deutsche S3-Leitlinie, die The Menopause Society sowie die International Menopause Society einig. Besonders wirksam ist sie gegen sogenannte vasomotorische Beschwerden wie Hitzewallungen und Nachtschweiß. Darüber hinaus kann sie weitere Beschwerden lindern und bestimmten Folgeerkrankungen des Östrogenmangels vorbeugen.
Zu den wichtigsten Vorteilen gehören:
Hitzewallungen zählen zu den häufigsten Beschwerden der Wechseljahre und können die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Studien zeigen, dass eine Hormonersatztherapie ihre Häufigkeit und Intensität deutlich reduzieren kann. Nach aktuellen Leitlinien ist sie die wirksamste verfügbare Behandlung bei ausgeprägten vasomotorischen Beschwerden.
Viele Frauen berichten, dass sie unter einer HRT wieder besser schlafen. Das liegt nicht nur daran, dass nächtliche Hitzewallungen zurückgehen, sondern auch daran, dass sich der gestörte Schlafrhythmus häufig stabilisiert. Dadurch verbessern sich oftmals auch Konzentration, Leistungsfähigkeit und allgemeines Wohlbefinden.
Mit dem sinkenden Östrogenspiegel beschleunigt sich der Knochenabbau. Dadurch steigt nach den Wechseljahren das Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche deutlich an. Die Hormonersatztherapie kann diesem Knochenschwund entgegenwirken und das Risiko osteoporotischer Frakturen senken. Deshalb empfehlen Leitlinien sie insbesondere für Frauen mit erhöhtem Osteoporoserisiko und gleichzeitig bestehenden Wechseljahresbeschwerden.
Östrogenmangel kann zu Scheidentrockenheit, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr sowie wiederkehrenden Harnwegsinfekten führen. Je nach Beschwerden kommen hierfür sowohl systemische als auch niedrig dosierte lokale Östrogenpräparate infrage. Letztere gelten auch für viele Frauen als geeignete Option, wenn keine systemische Hormontherapie erforderlich ist.
Lange galt die Hormonersatztherapie grundsätzlich als Risiko für Herz und Gefäße. Heute ist die Bewertung deutlich differenzierter.
Aktuelle Leitlinien gehen davon aus, dass Frauen, die vor dem 60. Lebensjahr oder innerhalb von zehn Jahren nach Beginn der Menopause mit einer HRT beginnen, kein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko haben. Einige Studien sprechen sogar dafür, dass ein früher Therapiebeginn mit einem geringeren Risiko für koronare Herzkrankheit und einer niedrigeren Gesamtsterblichkeit verbunden sein könnte. Für Frauen, die erst deutlich später mit einer Hormontherapie beginnen, gilt dieser mögliche Vorteil jedoch nicht.
Immer häufiger ist in Zusammenhang mit den Wechseljahren von bioidentischen Hormonen die Rede. „Bioidentische Hormone haben die gleiche chemische Struktur wie die körpereigenen Hormone“, erklärt Dr. Petra Eisenmann.
„Kurz: Sie üben die gleiche Funktion und sprechen die gleichen Rezeptoren an wie körpereigene Hormone. Zu den häufigsten bioidentischen Hormonen gehören Estradiol, Estriol, DHEA, Progesteron und Testosteron. Synthetische Hormone entsprechen nicht den körpereigenen Hormonen und werden im Labor hergestellt. Sie kommen zum Einsatz zum Beispiel in der Antibabypille.“
Fachgesellschaften weisen allerdings darauf hin, dass bioidentisch nicht automatisch sicherer oder risikofrei bedeutet. Entscheidend sind vielmehr die individuelle Auswahl der Präparate, die Dosierung und eine regelmäßige ärztliche Kontrolle. Zugelassene bioidentische Hormone wie Estradiol oder mikronisiertes Progesteron sind wissenschaftlich gut untersucht und werden heute häufig eingesetzt.
Anders beurteilen Fachgesellschaften individuell in Apotheken hergestellte sogenannte "compounded bioidentical hormones". Für diese liegen bislang keine ausreichenden Daten zur Wirksamkeit, Sicherheit und gleichbleibenden Qualität vor.
Die Hormonersatztherapie wird individuell an die Beschwerden und die gesundheitliche Situation der Frau angepasst. Östrogene stehen als Tabletten, Gel, Spray oder Pflaster zur Verfügung. Heute werden sie häufig über die Haut angewendet. Diese sogenannte transdermale Therapie gilt nach aktuellen Leitlinien als mit einem geringeren Thromboserisiko verbunden als oral eingenommene Östrogene.
Ist die Gebärmutter noch vorhanden, wird die Östrogentherapie in der Regel mit einem Gestagen kombiniert, um die Gebärmutterschleimhaut zu schützen. Bei überwiegend lokalen Beschwerden wie Scheidentrockenheit reichen häufig niedrig dosierte Östrogenpräparate aus, die als Creme, Vaginaltablette oder Vaginalring angewendet werden.
Auch wenn die Hormonersatztherapie heute deutlich differenzierter bewertet wird als noch vor 20 Jahren, ist sie nicht für jede Frau geeignet. Deshalb sollte vor Beginn der Behandlung immer eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.
Das Brustkrebsrisiko gehört zu den häufigsten Sorgen vieler Frauen. Tatsächlich hängt es unter anderem von der Dauer der Behandlung sowie von der Kombination der verwendeten Hormone ab. Die große Lancet-Metaanalyse von 2019 führte zu einer Aktualisierung der deutschen S3-Leitlinie.
Eine längerfristige kombinierte Therapie mit Östrogen und Gestagen kann das Brustkrebsrisiko leicht erhöhen. Das absolute Risiko bleibt jedoch gering und muss im Zusammenhang mit anderen Einflussfaktoren wie Übergewicht, Alkoholkonsum oder Bewegungsmangel betrachtet werden. Hinweise sprechen zudem dafür, dass sich das Risiko je nach verwendetem Gestagen unterscheiden kann.
Östrogene können das Risiko für venöse Thrombosen erhöhen. Besonders gilt dies für oral eingenommene Präparate sowie für Frauen mit entsprechenden Vorerkrankungen oder einer erblichen Gerinnungsstörung.
Nach heutigem Wissensstand ist dieses Risiko bei transdermalen Präparaten wie Gel oder Pflaster geringer als bei Tabletten. Deshalb werden sie heute häufig bevorzugt eingesetzt.
Die Auswirkungen auf Herz und Gefäße hängen entscheidend vom Zeitpunkt des Therapiebeginns ab. Frauen, die erst viele Jahre nach der Menopause mit einer HRT beginnen, haben ein ungünstigeres Nutzen-Risiko-Verhältnis als Frauen, die früh behandelt werden. Aus diesem Grund empfehlen Leitlinien heute einen möglichst frühen Therapiebeginn, wenn eine HRT medizinisch angezeigt ist.
„Unter anderem für Patientinnen mit Brustkrebs oder einer Gerinnungsstörung in der Anamnese“, so Dr. Petra Eisenmann.
Die wichtigsten Gegenanzeigen im Überblick:
Ob eine Hormonersatztherapie infrage kommt, sollte deshalb immer nach einer ausführlichen gynäkologischen Beratung und unter Berücksichtigung der persönlichen Krankengeschichte entschieden werden.
Die Dauer einer Hormonersatztherapie richtet sich nach den Beschwerden und der individuellen gesundheitlichen Situation. Früher wurde häufig empfohlen, die Behandlung möglichst früh zu beenden. Heute sehen Fachgesellschaften dies differenzierter.
Grundsätzlich gilt: Eine HRT sollte in der niedrigsten wirksamen Dosierung und so lange wie medizinisch erforderlich durchgeführt werden.
Dr. Petra Eisenmann erklärt: „Laut Leitlinie ist eine HRT für 5–7 Jahre im 'Window of Opportunity', das heißt bis 60 Jahre, von Vorteil. Nach diesem Zeitfenster erhöht sich das Brustkrebsrisiko für hormonabhängige Tumore. Das liegt mitunter auch am Alter der Anwenderinnen und nicht allein an der Anwendung der HRT.“
Die Hormonersatztherapie hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen grundlegenden Wandel erfahren. Während sie nach der Veröffentlichung der WHI-Studie lange Zeit als riskant galt, zeigen aktuelle Leitlinien und Langzeitdaten ein deutlich differenzierteres Bild.
Für gesunde Frauen mit ausgeprägten Wechseljahresbeschwerden, die vor dem 60. Lebensjahr oder innerhalb von zehn Jahren nach Beginn der Menopause mit einer HRT beginnen, überwiegt nach heutiger Einschätzung häufig der Nutzen. Moderne Präparate – insbesondere transdermale Östrogene in Kombination mit individuell ausgewählten Gestagenen – ermöglichen eine personalisierte Behandlung mit einem günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnis.
Dennoch bleibt die Hormonersatztherapie eine individuelle Entscheidung. Welche Präparate geeignet sind und ob eine Behandlung infrage kommt, sollte immer gemeinsam mit einer erfahrenen Frauenärztin oder einem Frauenarzt besprochen werden.
Viele Frauen befürchten, durch eine Hormonersatztherapie zuzunehmen. Wissenschaftliche Studien konnten jedoch nicht zeigen, dass eine HRT grundsätzlich zu einer Gewichtszunahme führt.
Vielmehr verändert sich der Stoffwechsel während der Wechseljahre unabhängig von einer Hormontherapie. Dadurch nehmen viele Frauen leichter zu und Fett verteilt sich häufiger im Bauchbereich. Eine HRT kann diese natürlichen Veränderungen nicht verhindern, verursacht sie aber auch nicht.
Grundsätzlich ja, allerdings sollte ein später Therapiebeginn sorgfältig geprüft werden. Nach aktuellen Leitlinien ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis am günstigsten, wenn die Behandlung vor dem 60. Lebensjahr oder innerhalb von zehn Jahren nach Beginn der Menopause startet.
Beginnt eine HRT deutlich später, können Risiken wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Schlaganfälle zunehmen. Ob eine Behandlung dennoch sinnvoll ist, sollte individuell mit der Frauenärztin oder dem Frauenarzt besprochen werden.
Ja. Der sinkende Östrogenspiegel beschleunigt nach den Wechseljahren den Knochenabbau und erhöht das Risiko für Osteoporose und Knochenbrüche. Eine Hormonersatztherapie kann diesem Knochenschwund wirksam entgegenwirken und das Frakturrisiko senken.
Nicht unbedingt. Bioidentische Hormone besitzen zwar die gleiche chemische Struktur wie körpereigene Hormone, sie sind aber nicht automatisch sicherer oder nebenwirkungsfrei. Entscheidend sind die richtige Dosierung, die Auswahl des Präparats und die regelmäßige ärztliche Kontrolle.
Zugelassene bioidentische Hormone wie Estradiol oder mikronisiertes Progesteron sind gut untersucht. Vorsicht ist dagegen bei individuell in Apotheken hergestellten Hormonmischungen geboten, für die bislang nur wenige wissenschaftliche Daten vorliegen.