
© Magnific
11. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
Was, wenn nicht nur unsere Gene und unser Lebensstil darüber entscheiden, wie gesund wir altern, sondern auch die Bakterien in unserem Darm? Eine neue Studie zeigt verblüffende Zusammenhänge mit chronischen Entzündungen – und dem Risiko, Jahre später krank zu werden
Zwei Menschen können gleich alt sein – und trotzdem ganz unterschiedliche Voraussetzungen für ein gesundes Älterwerden mitbringen. Eine mögliche Erklärung dafür liegt ausgerechnet im Darm.
Eine neue Untersuchung aus Dänemark zeigt, wie eng die Zusammensetzung unserer Darmflora mit chronischen Entzündungsprozessen im Körper verbunden ist. Besonders verblüffend: Bei manchen jungen Erwachsenen fanden die Forschenden Werte, die Menschen mit einer anderen Darmflora erst Jahrzehnte später erreichten. Die Ergebnisse könnten unseren Blick darauf verändern, wie wir möglichst lange gesund leben.
Altern findet nicht nur an der Oberfläche statt. Auch unser Immunsystem verändert sich mit den Jahren. Bei vielen Menschen nehmen unterschwellige Entzündungsprozesse zu, ohne dass sie davon etwas bemerken. Forschende sprechen von Inflammaging, einer Verbindung der englischen Begriffe für Entzündung und Altern.
Solche dauerhaft erhöhten Entzündungsaktivitäten können die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und anderen altersassoziierten Krankheiten begünstigen. Allerdings ist nicht jeder Mensch gleichermaßen betroffen. Manche weisen bereits in jungen Jahren auffällige Entzündungsmarker auf, während andere selbst im höheren Alter vergleichsweise günstige Werte haben.
Dabei rückt zunehmend ein Organ in den Fokus, das man beim Thema Longevity nicht unbedingt als Erstes vermutet: der Darm. Die dort lebenden Billionen Mikroorganismen sind weit mehr als Verdauungshelfer. Sie stehen in engem Austausch mit dem Immunsystem und können über ihre Stoffwechselprodukte Prozesse im gesamten Körper beeinflussen.
Wie eng dieser Zusammenhang ist, wollten dänische Forschende genauer wissen. Für ihre in Nature Communications veröffentlichte Studie untersuchten sie 1.199 Erwachsene zwischen 20 und 72 Jahren. Sie analysierten die Darmflora, bestimmten Entzündungswerte im Blut und verglichen verschiedene Gesundheitsmerkmale.
Das Ergebnis überraschte: Die Zusammensetzung der Darmflora hing mit fast allen untersuchten Entzündungsmarkern stärker zusammen als das tatsächliche Lebensalter. Auch bei zahlreichen Stoffwechselwerten zeigte sich ein engerer statistischer Zusammenhang mit dem Mikrobiom.
Besonders auffällig war eine Gruppe von Menschen mit einer vergleichsweise wenig vielfältigen Darmflora. Die Forschenden bezeichneten dieses Muster als Bacteroides-2-Typ.
Diese Teilnehmer hatten im Durchschnitt höhere Entzündungswerte, ungünstigere Blutfettwerte und eine geringere körperliche Fitness. Vor allem aber zeigte sich dieses Muster keineswegs nur bei älteren Menschen.
Bei bestimmten Entzündungsmarkern waren die Unterschiede zwischen den Mikrobiomgruppen so groß, dass Menschen mit einer anderen Darmflora im statistischen Vergleich erst rund 37 Jahre später ähnliche Werte erreichten. Ein 20-Jähriger konnte demnach bereits ein Entzündungsmuster aufweisen, das bei anderen erst mit Ende 50 auftrat.
Das heißt nicht, dass sein Darm tatsächlich 37 Jahre älter war. Die Forschenden verglichen bestimmte Blutwerte, nicht das biologische Alter des gesamten Körpers.
Die Darmflora könnte weit mehr über unsere Gesundheit verraten als bisher angenommen. Denn die Forschenden fanden nicht nur Unterschiede bei den Entzündungswerten. Sie entdeckten auch einen Zusammenhang mit Erkrankungen, die erst Jahre später auftraten.
Dafür werteten sie die Gesundheitsdaten der Teilnehmer über einen Zeitraum von bis zu neun Jahren aus. Das Ergebnis: Menschen mit dem ungünstigen Bacteroides-2-Profil hatten ein um 21 Prozent höheres relatives Risiko, eine neue Krankenhausdiagnose zu erhalten. Dabei ging es keineswegs nur um Darmerkrankungen, sondern auch um Herz-Kreislauf-, Atemwegs- und neurologische Erkrankungen sowie weitere Krankheitsgruppen.
Bei Menschen mit einer besonders vielfältigen Darmflora zeigte sich das umgekehrte Bild: Sie hatten niedrigere Entzündungswerte und erhielten im Beobachtungszeitraum seltener neue Krankenhausdiagnosen.
Die Darmflora könnte damit zu einer Art Frühwarnsystem werden. Ihre Zusammensetzung liefert möglicherweise Hinweise auf gesundheitliche Risiken, lange bevor eine Erkrankung festgestellt wird. Noch lässt sich daraus kein verlässlicher individueller Risikotest ableiten. Doch die Ergebnisse zeigen, welches Potenzial im Mikrobiom für die Früherkennung stecken könnte
Anders als unser Geburtsdatum ist die Zusammensetzung der Darmflora nicht unveränderlich. Vor allem die Ernährung beeinflusst, welche Bakterien sich im Darm vermehren. Eine große Vielfalt pflanzlicher Lebensmittel, wie Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte und Nüsse, kann ein vielfältiges Mikrobiom fördern.
Ob sich damit gezielt jenes ungünstige Bacteroides-2-Profil verändern lässt, das in der Studie mit höheren Entzündungswerten verbunden war, ist noch nicht geklärt. Auch für die Behauptung, Probiotika oder spezielle Mikrobiomkuren könnten das biologische Altern verlangsamen, fehlen überzeugende klinische Belege.
Wer seine Darmgesundheit unterstützen möchte, braucht dafür vorerst weder teure Mikrobiomtests noch spezielle Nahrungsergänzungsmittel. Entscheidend ist vielmehr, was täglich auf dem Teller landet – und wie viel wir uns bewegen.

Weniger Stress, bessere Konzentration, mehr Gelassenheit: EXOMIND soll mithilfe magnetischer Impulse die mentale Stärke fördern. Dr. med. Neda Nabavi erklärt, wie die innovative Behandlung funktioniert, welche Veränderungen sie bei ihren Patienten beobachtet und warum die Gehirngesundheit für sie ein zentraler Bestandteil von Longevity ist
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. med. Neda Nabavi

Zucker weglassen, Kohlenhydrate reduzieren, bestimmte Lebensmittel meiden: Rund um Ernährung und Krebs kursieren viele Regeln. Onkologin Dr. Gesche Brannolte-Raab erklärt, was davon stimmt – und was sie ihren Patienten wirklich empfiehlt.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

Ein Interview mit
Dr. med. Gesche Brannolte-Raab