
© Magnific
6. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
Schlafapnoe bleibt häufig lange unentdeckt – und betrifft nicht nur übergewichtige Männer. Dr. Carlos Nunez erklärt, welche Symptome häufig übersehen werden, was nächtliche Atemaussetzer im Körper auslösen und welche Therapien heute helfen.
Man schläft – und bekommt nicht mit, dass die eigene Atmung immer wieder aussetzt. Genau das macht Schlafapnoe so tückisch: Viele Betroffene ahnen lange nichts davon, während der Körper Nacht für Nacht belastet wird. Und: Die Erkrankung kann auch Menschen treffen, die nicht dem klassischen Risikoprofil entsprechen.
Wie findet man heraus, ob man selbst betroffen ist? Welche Folgen haben die nächtlichen Atemaussetzer für Herz und Gehirn? Und könnte eine neue Tablette eines Tages die CPAP-Maske ersetzen? Dr. Carlos Nunez, Arzt und Chief Medical Officer bei ResMed, erklärt, was man heute über Schlafapnoe weiß – und welche neuen Therapieansätze derzeit erforscht werden.
Können Sie den typischen Weg von der ersten Untersuchung bis zur Diagnose und Behandlung beschreiben?
Schnarchen, ausgeprägte Tagesmüdigkeit oder vom Partner bzw. der Partnerin beobachtete Atemaussetzer während des Schlafs können Anzeichen einer obstruktiven Schlafapnoe sein. Zu Beginn erfolgt eine ärztliche Abklärung, bei der Symptome, Schlafgewohnheiten, die Krankengeschichte und der allgemeine Gesundheitszustand bewertet werden, um das Risiko für eine Schlafstörung einzuschätzen.
Besteht der Verdacht auf eine Schlafapnoe, folgt in Deutschland in der Regel zunächst eine nächtliche ambulante Schlafuntersuchung zu Hause, die sogenannte Polygraphie (PG). Je nach Befund kann anschließend eine umfassendere Untersuchung im Schlaflabor, die Polysomnographie (PSG), durchgeführt werden, um die Diagnose zu bestätigen und den Schweregrad der Schlafapnoe zu bestimmen.
Nach der Diagnose stellt die PAP-Therapie (Positive Airway Pressure), einschließlich der CPAP-Therapie (Continuous Positive Airway Pressure), insbesondere bei mittelschwerer bis schwerer obstruktiver Schlafapnoe eine etablierte Standardbehandlung dar. In Deutschland wird die PAP-Therapie üblicherweise unter fachärztlicher Aufsicht im Schlaflabor eingeleitet und angepasst.
Die wichtigste Botschaft für mich ist: Schlafapnoe ist behandelbar, und die richtige Therapie kann Beschwerden und Lebensqualität deutlich verbessern.

© Resmed
Dr. Carlos Nunez, Arzt und Chief Medical Officer bei ResMed
Schlafapnoe wird häufig mit Übergewicht in Verbindung gebracht. Können auch schlanke und ansonsten gesunde Menschen daran erkranken? Wer ist besonders gefährdet?
Übergewicht ist ein Risikofaktor für Schlafapnoe, aber bei weitem nicht der einzige. Auch Alter, familiäre Veranlagung, die Anatomie der oberen Atemwege und bestimmte Begleiterkrankungen können eine Rolle spielen.
Lange Zeit wurde Schlafapnoe mit dem Bild des laut schnarchenden Mannes mittleren Alters verbunden. Tatsächlich kann die Erkrankung Menschen jeden Alters und jeder Körperstatur betreffen, darunter auch schlanke und ansonsten gesunde Personen. Bei Frauen bleibt Schlafapnoe zudem häufig unerkannt, da sich ihre Beschwerden oft anders äußern können, etwa durch Müdigkeit, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme oder Stimmungsschwankungen statt ausschließlich durch die klassischen Symptome, die viele Menschen mit Schlafapnoe verbinden.
Was passiert eigentlich mit Herz und Gehirn, wenn die Atmung nachts immer wieder aussetzt? Welche Folgen kann eine unbehandelte Schlafapnoe langfristig haben?
Schlaf ist neben Ernährung und Bewegung Grundlage unserer Gesundheit. Wenn die Atmung während der Nacht wiederholt aussetzt, kann der Sauerstoffgehalt im Blut sinken und der Schlaf immer wieder unterbrochen werden. Dadurch wird der Körper belastet, das Herz-Kreislauf-System beansprucht und Gehirn sowie Körper erhalten nicht die notwendige Regeneration.
Langfristig wird unbehandelte Schlafapnoe mit schwerwiegenden Erkrankungen wie Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und Schlaganfällen in Verbindung gebracht. Deshalb sollte Schlafapnoe nicht nur als “Schnarchproblem“ betrachtet werden. Es handelt sich um eine chronische Erkrankung, die sowohl das tägliche Wohlbefinden als auch die langfristige Gesundheit erheblich beeinflussen kann.
Viele Patienten bekommen eine CPAP-Maske verschrieben, haben aber Schwierigkeiten, damit zu schlafen. Was sind die häufigsten Probleme und was sollten Betroffene ausprobieren, bevor sie die Therapie aufgeben?
Zu den häufigsten Herausforderungen zählen der Tragekomfort der Maske, Luftleckagen und die Eingewöhnung an das Schlafen mit der Therapie. Die gute Nachricht ist, dass sich viele dieser Probleme lösen lassen. Heute stehen zahlreiche unterschiedliche Maskenarten zur Verfügung, darunter Nasenmasken, Vollgesichtsmasken sowie neuere Modelle mit weichen, stoffummantelten Komponenten, die für manche Anwender den Komfort verbessern können. Patientinnen und Patienten sollten gemeinsam mit ihrem Behandlungsteam die für sie am besten geeignete Option finden.
Auch digitale Unterstützungsangebote, etwa personalisierte Apps, die direkt mit der Therapie verbunden sind, können insbesondere in der Anfangsphase hilfreich sein, wenn sich die Betroffenen an die Behandlung gewöhnen. Ich rate immer dazu, nicht zu schnell aufzugeben. Unterstützung, Coaching und eine schrittweise Anpassung können einen großen Unterschied machen, besonders in den ersten Wochen der Therapie.
Eine neue Tablette namens AD109 hat in Phase-III-Studien vielversprechende Ergebnisse gezeigt. Wodurch unterscheidet sich dieser Ansatz von bisherigen Behandlungsmöglichkeiten?
AD109 stellt einen neuen medikamentösen Ansatz zur Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe (OSA) dar. Die Wirksamkeit pharmakologischer Behandlungsansätze in der breiteren OSA-Population wird derzeit noch untersucht. Der Ansatz spiegelt jedoch die fortlaufenden Bemühungen wider, das Spektrum der Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Schlafapnoe zu erweitern.
Könnte eine Tablette wie AD109 die CPAP-Therapiee denn irgendwann ersetzen?
Es ist noch zu früh, um beurteilen zu können, welche Rolle neue Therapieformen künftig in der klinischen Praxis spielen werden. Schlafapnoe betrifft Menschen auf unterschiedliche Weise, und neue Behandlungsansätze könnten künftig für bestimmte Patientinnen und Patienten eine zusätzliche Option sein.
Die CPAP-Therapie bleibt jedoch die bewährte und weithin empfohlene Erstlinientherapie bei obstruktiver Schlafapnoe und bietet bei korrekter Anwendung eine sofortige Symptomlinderung sowie jahrzehntelange klinische Evidenz aus der praktischen Versorgung.
Was können Menschen mit Schlafapnoe selbst tun? Können Gewichtsabnahme, eine andere Schlafposition, weniger Alkohol oder andere Veränderungen des Lebensstils einen spürbaren Unterschied machen?
Für viele Menschen können Veränderungen des Lebensstils, einschließlich einer guten Schlafhygiene, die Schlafqualität deutlich verbessern. Davon profitieren auch Menschen mit Schlafapnoe. Ein gesundes Körpergewicht, regelmäßige körperliche Aktivität sowie ein zurückhaltender Konsum von Alkohol und Koffein, insbesondere am Abend, können zu einem besseren Schlaf beitragen.
Einige Betroffene profitieren außerdem davon, nicht auf dem Rücken zu schlafen. Gleichzeitig ist wichtig zu wissen, dass Lebensstilmaßnahmen allein bei einer Schlafapnoe nicht immer ausreichen. Wer Symptome einer Schlafapnoe hat oder bereits diagnostiziert wurde, sollte sich ärztlich beraten lassen und gemeinsam mit seinem Behandlungsteam einen individuell passenden Therapieplan entwickeln.
Können Apps, Smartwatches oder Schlaftracker hilfreiche Hinweise liefern oder bleibt eine Schlafuntersuchung für eine verlässliche Diagnose unverzichtbar?
Wearables und Schlaftracker können hilfreich sein, weil sie Menschen dazu anregen, sich stärker mit ihrer Schlafgesundheit auseinanderzusetzen. Zudem können sie dabei helfen, Muster oder Veränderungen sichtbar zu machen, die mit einer Ärztin/einem Arzt besprochen werden sollten, und Informationen liefern, die eine fundiertere Diskussion über den eigenen Schlaf ermöglichen.
Die Daten solcher Consumer-Geräte können jedoch eine medizinische Diagnostik derzeit nicht ersetzen und allein nicht für die Diagnose einer Schlafapnoe verwendet werden. Besteht ein entsprechender Verdacht, sind eine ärztliche Untersuchung und geeignete Schlafuntersuchungen wichtig, um die Diagnose zu bestätigen und den Schweregrad der Erkrankung festzustellen.
Meiner Ansicht nach liegt der größte Nutzen dieser Technologien darin, dass sie das Bewusstsein für den eigenen Schlaf stärken. Sie können bislang unerkannte Schlafmuster sichtbar machen und Menschen dazu motivieren, Gespräche mit ihrer Ärztin/ihrem Arzt über ihre Schlafgesundheit zu führen, die sie sonst möglicherweise nie initiiert hätten.