
© Vanessa Loring
7. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Zucker weglassen, Kohlenhydrate reduzieren, bestimmte Lebensmittel meiden: Rund um Ernährung und Krebs kursieren viele Regeln. Onkologin Dr. Gesche Brannolte-Raab erklärt, was davon stimmt – und was sie ihren Patienten wirklich empfiehlt.

Ein Interview mit
Dr. med. Gesche Brannolte-Raab
In Deutschland erkranken jedes Jahr mehr als eine halbe Million Menschen an Krebs. Gleichzeitig hält sich hartnäckig die Vorstellung, man könne mit der richtigen Ernährung beeinflussen, ob ein Tumor entsteht oder sogar wächst. Besonders Zucker steht immer wieder im Verdacht, Krebs regelrecht zu „füttern“.
Aber lässt sich ein Tumor tatsächlich durch Ernährung aushungern? Muss man nach einer Krebsdiagnose auf Zucker verzichten? Und welche Rolle spielen Alkohol, hochverarbeitete Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel? Dr. Gesche Brannolte-Raab, Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie und Co-Autorin des Buches „Ernährung bei Krebs“, erklärt, was Ernährung leisten kann – während einer Krebstherapie ebenso wie bei der Prävention.
Wie groß ist der Einfluss unserer Ernährung auf das Krebsrisiko?
Vor allem bei Darmkrebs spielt sie eine große Rolle. Aber auch Übergewicht ist ein wichtiger Faktor bei der Krebsentstehung. Und davon sind inzwischen sehr viele Menschen betroffen.
Vieles hängt zudem mit dem Zuckerstoffwechsel zusammen, mit Insulinresistenz und Diabetes. All das wird durch Ernährung und Lebensstil beeinflusst.
Was machen wir beim Essen am häufigsten falsch?
Fehler machen kann man in dem Sinne gar nicht so viel. Es wird heute alles ein bisschen kompliziert gemacht. Man denkt, man müsse Wunder was essen, irgendwelche Superfoods oder Supplements.
Eigentlich sind es eher die Basics, auf die man sich wieder besinnen sollte: eine große Vielfalt, weniger verarbeitete Lebensmittel, weniger Alkohol. Das sind Dinge, die jeder kennt, im Alltag aber trotzdem oft nicht umsetzt.
Nach einer Krebsdiagnose gelten plötzlich andere Regeln. Worauf kommt es beim Essen während der Therapie an?
Während einer Krebstherapie kann es schwierig sein, sich ausgewogen zu ernähren. Meistens ist man froh, wenn man überhaupt etwas essen kann, weil der Appetit fehlt. Hinzu kommen möglicherweise Probleme mit der Mundschleimhaut, Reizungen, Durchfälle oder Übelkeit.
Dann muss man sehen: Was geht überhaupt? Vor allem sollte man darauf achten, nicht zu viel Muskelmasse zu verlieren. Es kann helfen, sich im Vorhinein etwas vorzubereiten. Das haben wir auch in unserem Buch. Carolin Kotke hat dort tolle Meal-Prep-Ideen für Chemotherapien konzipiert. So kann man leichter dranbleiben und sagt nicht: „Heute geht gar nichts, dann lasse ich es lieber.“ Denn das würde den Muskelabbau zusätzlich begünstigen.
Was empfehlen Sie Patientinnen und Patienten, denen während der Krebstherapie übel ist oder die kaum etwas essen können?
Bei Übelkeit hilft es oft, eher kalte Dinge zu essen, die nicht so stark riechen. Kleine Tipps wie dieser lassen sich gut umsetzen.
Für diejenigen, die beispielsweise nur eine Operation oder eine Antihormontherapie haben, würde ich sagen: Sie sollten versuchen, die mediterrane Ernährung für sich lieb zu gewinnen. Und sich fragen: Wie kann ich meine Gewohnheiten ins Gesündere verändern, sodass es meinem Körper guttut?
Es sollte nicht alles aus Verboten bestehen. Viele haben nach einer Krebsdiagnose sofort Angst und denken: Jetzt darf ich dies nicht mehr und das nicht mehr.
Müssen Krebspatientinnen und -patienten komplett auf Zucker verzichten?
Nein. Aber man sollte durchaus darüber nachdenken, weniger verarbeitete zuckerhaltige Lebensmittel zu essen, zum Beispiel Riegel oder Kuchen. Darauf könnte man verzichten.
Aber der Körper braucht Zucker, ebenso das Gehirn und die Muskulatur. Wenn man alles herunterfährt, wird es mitunter schwierig, etwa mit der Denkleistung und der Wachheit. Deshalb sollte man vor allem diese künstlichen Zucker reduzieren.
Gibt es eine Art Anti-Krebs-Diät, mit der man einen Tumor aushungern kann?
Das ist absolut zu einfach gedacht, denn sonst würden es alle machen, die Krebs haben. Es gibt einige Studien, auch zum Fasten oder zur ketogenen Ernährung, zu mehr Proteinen und weniger Kohlenhydraten. Verschiedene Konzepte kann man sich durchaus einmal anschauen.
Aber die wirkliche Krebsdiät gibt es nicht. Die beste Evidenz hat die mediterrane Ernährung. Doch auch die ist sehr vielfältig und man muss erst einmal klären: Was gehört eigentlich dazu? Einen Krebs aushungern schafft man nicht.
Bei einem Genussmittel sind Sie allerdings sehr konsequent: Alkohol.
Ja, da bin ich klar und sage: Alkohol null. Da sind natürlich alle erst einmal erschrocken, weil er für viele zum Lebensgefühl gehört.
Aber man muss sich sagen: Alkohol ist ein Zellgift und jeder Schluck ist nicht krebsneutral. Das muss man wissen.
Welche Ernährungsmythen begegnen Ihnen bei Ihren Patientinnen und Patienten besonders häufig?
In der Onkologie kommt natürlich sofort der Satz: „Der Krebs mag keine Himbeeren.“ Beziehungsweise: „Ein Krebs ernährt sich von Zucker.“ Reflexartig höre ich dann von Patienten: „Ich habe jetzt komplett meinen Zucker heruntergefahren.“
Das kann am Anfang durchaus sinnvoll sein, wenn es um stark zuckerhaltige Lebensmittel geht. Aber ein bisschen Zucker braucht der Körper. Lebensmittel mit einem guten glykämischen Index, wie Haferflocken, sind schon ganz gut.
Bei Brustkrebspatientinnen, die meist sehr informiert sind, begegnet mir außerdem dieser Mythos: „Soja darf ich nicht mehr essen.“ Dafür gibt es keine entsprechenden Daten. Soja dockt an einem anderen Östrogenrezeptor an und ist kein Östrogen, vor dem Brustkrebspatientinnen Angst haben müssen.
Was kann Ernährung gegen typische Nebenwirkungen der Krebstherapie ausrichten?
Man sollte darauf achten, ausreichend Proteine zu sich zu bekommen. Wenn das nicht gelingt, kann man manchmal mit Proteinshakes ausgleichen. Es gibt auch Aminosäuren, wenn gar nichts anderes funktioniert.
Entscheidend ist aber: Was ist überhaupt möglich? Jeder hat in diesem Moment einen anderen Appetit. Bei manchen funktioniert ein Joghurt gut, der andere sagt: „Ich habe totalen Heißhunger auf eine Brezel“, weil die salzig ist.
Das ist sehr individuell. Man kann gezielt unterstützen, je nachdem, welches Problem auftritt. Bei Durchfall muss man anders intervenieren als bei Verstopfung.
Beim Thema Chemo Brain halte ich Omega-3 für sehr wertvoll. Manchmal hilft auch Kreatin als Supplement. Und außerhalb der Ernährung sage ich immer: Jeden Tag ein Sudoku oder ein Kreuzworträtsel machen, weil das Gehirn fit bleiben muss.
Sollte jeder Krebspatient Vitamine oder Mikronährstoffe einnehmen?
Grundsätzlich nein. Ich arbeite selbst viel mit Nahrungsergänzungsmitteln, auch bei Krebspatienten. Aber es sollte erst einmal gemessen beziehungsweise eine Bestandsaufnahme gemacht werden, damit man anschließend gezielt unterstützen kann.
Es ist wichtig, vorher zu messen und nicht gleich ein All-in-one-Präparat zu schlucken, weil man denkt: Ich habe Krebs, also brauche ich das jetzt. Das macht oft keinen Sinn. Und bei hohen Dosierungen muss man auf mögliche Wechselwirkungen achten.
Was kann man zusätzlich tun, um besser durch eine Krebstherapie zu kommen?
Als Allererstes Bewegung. Das gilt auf allen Ebenen – ob in der Prävention, während einer Therapie oder in der Nachsorge.
Und da hat sich, wie auch in anderen Lebensphasen, Kraftsport bewährt. Hat keiner Lust dazu – gerade die Frauen nicht, die muss ich immer motivieren. Aber das hilft, auch um Nebenwirkungen zu mindern.
Eine eigene Schlafroutine während der Behandlung finde ich ebenfalls wichtig. Oft gerät der gewohnte Rhythmus durcheinander. Viele liegen viel im Bett und haben plötzlich einen völlig anderen Tag-Nacht-Rhythmus. Da sollte man versuchen, wieder eine gewisse Regelmäßigkeit hineinzubringen.
Auch Selbstwirksamkeit muss man Krebspatienten an die Hand geben. Für sie ist plötzlich alles neu: Chemo, Operation – und jeder Nachbar, jeder Bekannte sagt, was man tun und was man nicht tun soll. Da gilt es, bei sich zu bleiben und erst einmal wieder anzufangen, den eigenen Körper zu spüren. Das macht auch viel in der Therapie.
Wenn Sie nur drei Ernährungsregeln zur Krebsprävention nennen dürften – welche wären das?
Auch wenn es keiner hören will: Alkohol weglassen, Nummer eins. Dann ist es die Vielfalt. Viele sekundäre Pflanzenstoffe, viel Gemüse, Nüsse und Samen – das gehört auf den Tisch, wenn man gesund alt werden möchte. Im Prinzip gelten bei Krebsprävention und Longevity die gleichen Grundsätze.
Außerdem sollte man auf gute Proteine und sehr gute Fette achten. Das ist für mich das A und O.
Und was schützt jenseits der Ernährung?
Bewegung. Bewegung. Bewegung. Schulmedizinisch muss man außerdem klar sagen: Vorsorge wahrnehmen und Impfungen nicht vergessen. Darmspiegelung und Mammographie gehören dazu. Und dann sind, wie auch beim Thema Longevity, soziale Kontakte nicht zu unterschätzen. Sie halten uns jung und haben auch im gesamten Setting eine Bedeutung.
Die Krebstherapie wird immer individueller und moderner. Wird die Prävention dabei unterschätzt?
Die Onkologie bringt rasant neue Präparate auf den Markt und es wird sehr viel in Forschung investiert. Wenn wir auf Kongressen sind, schlackern wir teilweise mit den Ohren, was es alles für neue Medikamente gibt – immer individuellere Behandlungen, Immuntherapien und Therapien auf molekularer Ebene. Das ist schon toll.
Aber wenn wir sehen, wie viele Menschen im Laufe ihres Lebens an Krebs erkranken, wäre es natürlich wünschenswert, genauso viel Energie in die Prävention zu stecken. Denn dann hätten wir einen Teil dieser Fälle gar nicht.
Sie arbeiten seit 25 Jahren mit Krebspatienten. Was hält Sie bis heute in der Onkologie?
Ich war einmal ein Jahr nicht in der Onkologie und da habe ich gemerkt: Mir fehlt etwas. Dieses Fach ist etwas Besonderes. Ich habe heute nicht nur onkologische Patienten, sondern auch viele Präventionspatienten. Aber zu Menschen mit einer Krebserkrankung entsteht eine ganz besondere Bindung, und das erfüllt einen wahnsinnig.
In meiner jetzigen Praxis habe ich das Gefühl, meine Bestimmung gefunden zu haben, weil ich verschiedene Heilkünste zusammenbringen kann. Ich sehe, dass es den Patienten damit sehr viel besser geht als damals, als ich nur die Schulmedizin kannte.
Gerade Menschen mit einer sehr schweren Erkrankung anders und umfassender begleiten zu können, erfüllt mich sehr.

Zucker weglassen, Kohlenhydrate reduzieren, bestimmte Lebensmittel meiden: Rund um Ernährung und Krebs kursieren viele Regeln. Onkologin Dr. Gesche Brannolte-Raab erklärt, was davon stimmt – und was sie ihren Patienten wirklich empfiehlt.
Christine Bürg & Marianne Waldenfels

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Dr. med. Gesche Brannolte-Raab