
© Magnific
7. Juni 2026
Prof. Dominik Pförringer
Das E-Bike verkauft Faulheit als Fortschritt und Komfort als Nachhaltigkeit. Prof. Dominik Pförringer über den Wunsch nach Gesundheit ohne Leistung und grünen Selbstbetrug

Von
Univ.-Prof. Dr. med. Dominik Pförringer
Früher war das Radfahren eine einfache Angelegenheit. Man setzte sich auf sein Fahrrad, trat in die Pedale, schwitzte je nach persönlichem Elan und Eile mehr oder weniger, kam oben am Hügel oder im Biergarten an. Das ist in der Form leider großteils Historie.
Heute ist das alles doppelt so technisch, dreimal so kompliziert und eigentlich lächerlich – ähnlich dem Ernst eines Piloten vor dem Start: Display aktivieren, Akkustand prüfen, Unterstützungsmodus wählen, Reichweite kalkulieren. Dann rollt man mit 25 km/h ohne jegliche Anstrengung zum Ziel – und erzählt danach beim veganen Latte Macchiato Chai, man habe „Sport“ gemacht.
Das E-Bike ist die vielleicht eleganteste Selbsttäuschung unserer Zeit. Es sieht aus wie Bewegung, klingt nach Nachhaltigkeit und fühlt sich an wie Fortschritt. In Wahrheit ist es oft der motorisierte Ablasshandel für das eigene schlechte Gewissen. Der urbane E-Radler sitzt, wird geschoben, lächelt mild-dümmlich und sagt sich: „Immerhin besser als im Auto.“
Was für eine Form der Lüge gegenüber sich selbst und seiner Umgebung. Das ist der gleiche Irrsinn wie seinerzeit die Abwrackprämie für fahrfähige Autos, ein Baustein der großen grünen Ökolüge.
Sind wir doch mal ehrlich: Viele Menschen steigen nicht aufs E-Bike, weil sie sonst gar nicht mobil wären, weil sie älter sind, gesundheitlich eingeschränkt oder weite Strecken pendeln müssen. Für diese Menschen kann ein Elektrofahrrad hilfreich sein. Doch ein E-Fahrrad ist gerade für die älteren Semester, diejenigen mit der Osteoporose und der Blutverdünnung ein enormes Risiko.
Die potenzierte Komik beginnt dort, wo kerngesunde Erwachsene mit Funktionsjacke, Fitnessuhr und 2.000-Watt-Selbstbild die kürzeste Strecke nur noch mit elektrischem Rückenwind bewältigen können. Der urbane Kämpfer ergänzt seine Rüstung mittels Helm und Fahrradbrille….und natürlich bitte steuerlich subventioniert. Wie denn sonst?
Deutschland bewegt sich immer weniger, sitzt immer mehr und nennt den kurzen Weg zur Ladestation bereits Aktivität. Der moderne Nichtdenker optimiert seine Ernährung, trackt seinen Schlaf, kauft ergonomische Stühle, nimmt Nahrungsergänzungsmittel, lässt sich von Apps daran erinnern zu atmen.
Aber wenn der Körper tatsächlich etwas tun soll, nämlich Energie in Muskelkraft umzusetzen, dann muss erst Lithium in Akkus gepackt werden und neues Gerät angeschafft werden. Der moderne Mensch will Gesundheit, aber bitte ohne jegliche eigene Anstrengung. Wasch mich, aber mach mich nicht nass. Er will Bewegung, aber mit Akku.
Das E-Bike passt perfekt in diese Zeit. Man kann damit sportlich aussehen, ohne sportlich zu sein. Man kann ökologisch wirken, ohne über die Folgen seines Handelns nachzudenken. Man kann von „aktiver Mobilität“ sprechen, während der Motor die Arbeit erledigt.
Dabei ist der ernste Kern offensichtlich: Wir werden unbeweglicher. Nicht, weil das E-Bike existiert, sondern weil es eine Einstellung, eine Haltung symbolisiert. Eine Gesellschaft, die jeden Widerstand meidet, jeden Weg verkürzt und jede Mühe scheut, darf sich nicht wundern, wenn Körper und Geist träge werden, wenn die Wirtschaft den Bach hinuntergeht.
Der Rücken schmerzt, die Knie knirschen, die Treppen werden gemieden, und die letzte echte körperliche Herausforderung besteht darin, das Ladekabel aus der Steckdose zu ziehen. Ökostrom natürlich, angereichert mit dem gesunden Maß an tschechischem Atomstrom.
Ein E-Bike ist kein Heiligenschein auf zwei Rädern. Es ist ein Fahrzeug mit Akku, Elektronik, Rohstoffen, Verschleiß und höchst fragwürdiger Umweltbilanz. Wer sich damit brüstet, besonders umweltfreundlich unterwegs zu sein, sollte wenigstens zugeben, dass auch Lithium, Produktion, Entsorgung und Batteriewechsel nicht vom Himmel fallen wie Bio-Müsli.
Vor allem gilt es zu bedenken, dass dafür ja oft ein konventionelles Fahrrad, das funktioniert und gesund wäre, sinnlos aus dem Verkehr genommen wird.
Also, sinnvoll ist eine happige Steuer auf E-Mobile – nicht als Strafe für Mobilität, sondern als Erinnerung daran, dass auch grün lackierter Komfort kräftig Ressourcen verbraucht. Wer elektrisch unterstützt fährt, nutzt Infrastruktur, Technik und Akkus, deren Umweltkosten real sind. Diese Einnahmen kann man dann in echte Bewegungsförderung stecken: Sportangebote, Präventionsmaßnahmen, mehr Sport an Schulen, Treppen statt Rolltreppen.
Das Elektrofahrrad ist nicht der Untergang des Abendlandes. Aber es ist ein wunderbares Symbol für unsere Zeit: Der Nichtdenker will schneller werden, ohne sich anzustrengen; gesünder leben, ohne unbequeme Gewohnheiten zu ändern; umweltbewusst erscheinen, ohne auf seinen persönlichen Komfort zu verzichten. Eine große Milchmädchenrechnung? Nein, eine Lüge.
Vielleicht sollten wir also wieder den alten Drahtesel rausholen und in die Pedale treten. Nicht aus Ideologie, sondern aus Selbsterhaltung. Der Mensch hat Beine bekommen, keine Ladebuchse. Ideologie ist nicht zu verwechseln mit Idiotie und doch oft in den gleichen Köpfen zu finden. Also: KdW = Kampf der Wampe, gehen wir es an, heute ist ein guter Tag um damit zu beginnen.