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6. Juni 2026
Marianne Waldenfels
Lactoferrin könnte die Eisenaufnahme, das Immunsystem und die Darmgesundheit beeinflussen. Warum das Protein aus Muttermilch derzeit so intensiv erforscht wird
Ein Stoff, der Neugeborene in ihren ersten Lebenstagen schützt, könnte auch Erwachsenen helfen, Infektionen besser abzuwehren und Eisenmangel zu regulieren. Lactoferrin, ein lange unterschätztes Protein aus der Muttermilch, ist in den vergangenen Jahren zunehmend in den Fokus von Ärzten, Forschern und Herstellern von Nahrungsergänzungsmitteln gerückt.
Der Grund: Es gibt Hinweise darauf, dass das Protein weit mehr kann, als nur Säuglinge in ihren ersten Lebenstagen zu schützen.
Besonders häufig fällt der Name inzwischen im Zusammenhang mit Eisenmangel, Infektanfälligkeit und Darmgesundheit. Einige Studien deuten sogar darauf hin, dass Lactoferrin klassische Eisenpräparate ergänzen oder in bestimmten Fällen besser verträglich sein könnte.
Ganz neu ist die Forschung allerdings nicht. Schon seit Jahrzehnten untersuchen Wissenschaftler, wie Lactoferrin auf Bakterien, Entzündungen und das Immunsystem wirkt. Doch erst jetzt entsteht daraus jedoch ein größeres medizinisches Interesse.
Lactoferrin ist ein sogenanntes eisenbindendes Protein. Es kommt natürlicherweise im menschlichen Körper vor, Zum Beispiel in Speichel, Tränenflüssigkeit oder bestimmten Immunzellen. Besonders hohe Mengen enthält jedoch die Muttermilch.
Dort übernimmt Lactoferrin eine Art Schutzfunktion. Es hilft dabei, Krankheitserreger abzuwehren und unterstützt gleichzeitig das noch unreife Immunsystem von Neugeborenen. Genau diese Eigenschaften machen das Protein heute auch für Erwachsene interessant.
Die wichtigste Fähigkeit von Lactoferrin klingt zunächst unspektakulär: Das Protein bindet freies Eisen.
Für viele Bakterien ist Eisen jedoch lebenswichtig. Ohne ausreichenden Zugriff darauf können sie sich schlechter vermehren. Indem Lactoferrin Eisen an sich bindet, entzieht es manchen Keimen gewissermaßen die Grundlage für ihr Wachstum.
Dazu kommt ein zweiter Effekt: Forschende vermuten, dass Lactoferrin direkt mit bestimmten Viren und Bakterien interagieren kann. Dadurch könnte es ihnen erschweren, in menschliche Zellen einzudringen.
Interessant ist außerdem der Einfluss auf das Immunsystem. Lactoferrin wirkt offenbar nicht einfach wie ein klassischer „Immun-Booster“. Stattdessen scheint das Protein Abwehrreaktionen eher zu regulieren und Entzündungsprozesse zu beeinflussen.
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2021 mit etwa 1.700 Teilnehmenden fand zum Beispiel Hinweise darauf, dass Lactoferrin das Risiko von Atemwegsinfektionen senken kann. Die Autoren betonten jedoch, dass die Studienlage noch nicht überall gleich stark ist
Besonders viel Aufmerksamkeit bekommt Lactoferrin aktuell beim Thema Eisenmangel. Das wirkt zunächst paradox. Denn Lactoferrin liefert selbst kaum Eisen. Trotzdem deuten mehrere Studien darauf hin, dass das Protein die Aufnahme und Verwertung von Eisen im Körper verbessern könnte.
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2017 über Eisenmangel während der Schwangerschaft zeigte, dass bovines Lactoferrin bei Schwangeren mit Eisenmangelanämie ähnlich wirksam wie Eisensulfat sein kann, bei deutlich weniger gastrointestinalen Nebenwirkungen.
Eine aktuelle Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 mit mehreren tausend Teilnehmenden kam zu dem Schluss, dass bovines Lactoferrin den Hämoglobinwert in vielen Fällen ähnlich gut oder sogar besser verbessern kann als klassische Eisenpräparate, bei geringerer Rate an Magen-Darm-Beschwerden.
Genau das macht Lactoferrin interessant. Denn viele Menschen brechen klassische Eisenpräparate aufgrund von Nebenwirkungen wie Übelkeit, Verstopfung oder Magenschmerzen ab.
Vieles spricht dafür, dass ein großer Teil der Wirkung direkt im Darm stattfindet. Dort scheint Lactoferrin die Schleimhaut zu stabilisieren und gleichzeitig nützliche Darmbakterien zu fördern. Unerwünschte Keime könnten dagegen gehemmt werden.
Gerade dieser Zusammenhang dürfte erklären, warum Lactoferrin häufig nicht nur mit dem Immunsystem, sondern auch mit der Darmgesundheit in Verbindung gebracht wird.
Das Thema passt in eine Entwicklung, die sich seit Jahren in der Medizin beobachten lässt: Der Darm gilt längst nicht mehr nur als Verdauungsorgan, sondern zunehmend als Schaltstelle für Immunprozesse und Entzündungen.
Je weiter die Forschung geht, desto breiter wird das Spektrum möglicher Anwendungen.
Untersucht werden derzeit unter anderem:
Besonders neugierig macht Forschende die Frage, ob Lactoferrin die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Deshalb taucht das Protein inzwischen auch in Studien zu Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson auf.
Noch handelt es sich dabei allerdings überwiegend um frühe Forschung. Aus solchen Ergebnissen lassen sich derzeit keine konkreten Therapieempfehlungen ableiten.
Lactoferrin wird meist in Dosierungen zwischen 100 und 300 Milligramm täglich angeboten – also in Bereichen, die auch in vielen Studien untersucht wurden.
Besonders häufig wird das Protein eingesetzt:
Als gut verträglich gilt Lactoferrin zwar grundsätzlich. Trotzdem ersetzt es keine medizinische Behandlung. Wer unter diagnostiziertem Eisenmangel oder chronischen Erkrankungen leidet, sollte die Einnahme ärztlich begleiten lassen.
Der Reiz von Lactoferrin liegt auch darin, dass viele seiner Effekte biologisch plausibel wirken. Anders als bei manchen kurzfristigen Gesundheitstrends existiert hier tatsächlich eine ernsthafte Forschungslage.
Gleichzeitig zeigt sich aber ein bekanntes Muster moderner Gesundheitsforschung: Je weiter man sich von den gut untersuchten Bereichen entfernt, desto vorsichtiger müssen Aussagen werden.
Beim Eisenstoffwechsel und bei bestimmten immunologischen Effekten erscheint die Datenlage inzwischen vergleichsweise solide. In anderen Bereichen steht die Forschung dagegen noch ganz am Anfang.
Lactoferrin ist deshalb weder Wundermittel noch überschätzter Hype. Es ist ein interessantes Protein mit überraschend breitem Potenzial und noch einigen offenen Fragen.
Lactoferrin ist ein körpereigenes Protein, das Eisen bindet und dadurch das Wachstum bestimmter Krankheitserreger hemmen kann. Zusätzlich beeinflusst es das Immunsystem und unterstützt die Darmgesundheit.
Studien zeigen, dass Lactoferrin die Aufnahme und Verwertung von Eisen verbessern kann. In einigen Fällen wirkt es vergleichbar oder besser als klassische Eisenpräparate – bei geringerer Nebenwirkungsrate.
In Studien werden meist 100 bis 300 mg täglich eingesetzt. Höhere Dosierungen sollten nur unter ärztlicher Begleitung erfolgen.
Lactoferrin gilt allgemein als gut verträglich. Im Vergleich zu klassischen Eisenpräparaten treten Nebenwirkungen wie Magenbeschwerden seltener auf. Langzeitdaten sind jedoch noch begrenzt.
Die beste Evidenz gibt es für den Einsatz bei Eisenmangel und bestimmte immunologische Effekte. Viele weitere Anwendungen, etwa im Bereich Neuroprotektion, werden noch erforscht.