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5. Juni 2026
Christine Bürg
Wie bleiben wir psychisch gesund in schwierigen Zeiten? Neurologe und Psychiater Prof. Dr. Volker Busch über Angst, Grübeln, Humor und das mentale Immunsystem
Krisen, Kriege, Dauerstress, Zukunftsängste: Viele Menschen fühlen sich erschöpft, überfordert oder innerlich permanent angespannt. Gleichzeitig wächst der Druck, immer funktionieren zu müssen – beruflich, privat und auch in den sozialen Medien. Warum fällt uns Zuversicht heute so schwer? Weshalb ist Unsicherheit nicht automatisch etwas Schlechtes? Und wie gelingt es, mental gesund zu bleiben, wenn die Welt ständig neue Herausforderungen bereithält?
Darüber haben wir mit dem Neurologen, Psychiater und Psychotherapeuten Prof. Dr. Volker Busch gesprochen. Der Leiter der Arbeitsgruppe „Psychosozialer Stress und Schmerz“ an der Uniklinik Regensburg beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wie Menschen psychisch widerstandsfähiger werden können. Sein Buch „Kopf hoch – Mental gesund und stark in herausfordernden Zeiten“ stand monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste.
Im Interview spricht er über das mentale Immunsystem, die Gefahr kollektiver Angst – und darüber, warum wir alle ein bisschen mehr wie Snoopy sein sollten.
Herr Busch, viele Menschen wirken momentan erschöpft, bedrückt oder verunsichert. Hat sich unsere Gesellschaft verändert?
Ja, das empfinde ich schon so. Viele Menschen haben das Gefühl, dass das, was früher selbstverständlich war, plötzlich weggebrochen ist. Sicherheit fühlt sich heute fragiler an – egal ob es um politische Stabilität, finanzielle Sicherheit oder die allgemeine Zukunft geht. Dinge, die lange verlässlich schienen, wirken nicht mehr so selbstverständlich wie früher.
Und das macht natürlich etwas mit uns Menschen. Wenn Gewissheiten verloren gehen, geraten wir innerlich in Alarmbereitschaft. Manche erleben das emotional, andere körperlich – mit Schlafproblemen, innerer Unruhe oder Angstgefühlen. Diese permanente Unsicherheit strengt uns psychisch enorm an.
Sie schreiben in Ihrem Buch aber auch: „Ungewissheit ist besser als ihr Ruf“. Das klingt zunächst überraschend.
Ja, weil wir Unsicherheit fast automatisch negativ bewerten. Tatsächlich hat sie aber auch eine sehr produktive Seite. Unser Gehirn reagiert auf Ungewissheit nämlich mit erhöhter Aufmerksamkeit. Wir werden wacher, präziser, kreativer. Ich spreche in dem Zusammenhang gern von „Unsicherheitsenergie“.
Wenn wir beispielsweise Sorge haben, einen Menschen zu verlieren, bemühen wir uns oft stärker um die Beziehung. Wenn wir nicht sicher sind, ob etwas gelingt, setzen wir uns intensiver damit auseinander. Unsicherheit kann uns also motivieren, aktiv zu werden, statt passiv zu bleiben.
Das Problem beginnt erst dort, wo aus Unsicherheit Angst oder sogar Panik wird. Eine gewisse Unsicherheit gehört zum Leben dazu – und sie kann uns sogar wachsen lassen.
Dennoch haben viele Menschen gerade das Gefühl, ständig Angst zu haben. Wie schützt man sich davor?
Man muss aufpassen, sich nicht permanent vom Negativen anstecken zu lassen. Angst funktioniert nämlich oft wie ein psychischer Krankheitserreger. Wenn Menschen in unserem Umfeld ständig Panik verbreiten oder wir uns ununterbrochen mit negativen Nachrichten beschäftigen, übernehmen wir diese Stimmung irgendwann selbst – oft völlig unbewusst.
Wir leben heute in einer medialen Welt, in der sehr viel Negatives transportiert wird. In Talkshows, sozialen Medien oder Nachrichtensendungen dominiert häufig das Katastrophische. Kein Wunder, dass dadurch gesellschaftlich Zuversicht verloren geht.
Deshalb ist es wichtig, bewusst Grenzen zu setzen: den Nachrichtenkonsum reduzieren, Abstand von permanent negativen Einflüssen nehmen und das eigene mentale System schützen. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Selbstfürsorge.
Sie verwenden in Ihrem Buch den Begriff „mentales Immunsystem“. Was genau meinen Sie damit?
Das mentale Immunsystem ist ein Bild dafür, dass wir Menschen eine enorme psychische Fähigkeit besitzen, Belastungen zu bewältigen. Niemand kommt ohne Krisen durchs Leben. Aber die meisten Menschen schaffen es, sich davon irgendwann wieder zu erholen.
Wenn wir verletzt werden, enttäuscht werden oder schwere Zeiten erleben, regeneriert sich unsere Psyche häufig erstaunlich gut. Wir lernen, wachsen und entwickeln uns weiter. Genau deshalb gefällt mir der Begriff des mentalen Immunsystems besser als der Begriff Resilienz.
Resilienz klingt oft so, als würde man nach einer Krise einfach wieder in den alten Zustand zurückkehren – wie ein Gummiball, der zurückspringt. Aber Menschen verändern sich durch Krisen. Sie werden erfahrener, manchmal stärker, manchmal auch gelassener. Studien zeigen sogar, dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens Krisen ruhiger begegnen, weil sie bereits erlebt haben: Ich kann schwierige Situationen überstehen.
Kann man dieses mentale Immunsystem trainieren?
Ja, unbedingt. Und zwar oft auf ganz einfache Weise: indem man lernt, Unsicherheit bewusst auszuhalten, statt ihr auszuweichen.
Viele Menschen versuchen ständig, Kontrolle zu behalten und unangenehme Situationen zu vermeiden. Aber genau dadurch wird die Angst oft größer. Ich empfehle deshalb, sich im Alltag immer wieder kleine Herausforderungen zu suchen – Dinge, die ein wenig Überwindung kosten.
Das kann eine Rede sein, ein neues Hobby, ein spontanes Gespräch oder etwas völlig Banales wie ein Gericht zu probieren, das man eigentlich nie bestellen würde. Wichtig ist nur, dass es ein kleines Gefühl von Unsicherheit auslöst.
Denn jedes Mal, wenn wir erleben: „Ich habe das geschafft“, wächst unsere innere Stärke. In der Psychologie spricht man dabei auch von Unsicherheitstoleranz-Training.
Viele Menschen kennen das Gefühl, nachts nicht abschalten zu können und ständig zu grübeln. Gibt es einen Weg aus dieser Gedankenspirale?
Ja – und interessanterweise liegt die Lösung oft weniger im Denken als im Tun.
Wir verbringen heute unglaublich viel Zeit im Kopf. Dabei zeigen viele Studien, dass genau das aktive Machen eine der besten Möglichkeiten ist, Grübeln zu unterbrechen. Wenn Menschen mit ihren Händen arbeiten, etwas bauen, malen, handwerken oder gärtnern, fahren bestimmte Denkzentren im Gehirn herunter.
Deshalb wirkt Beschäftigungstherapie bei manchen Menschen sogar erstaunlich stark. Wer etwas gestaltet oder erschafft, kommt aus dem permanenten Gedankenkarussell heraus. Ich sage deshalb oft: Wir denken zu viel und machen zu wenig.
Sie sagen außerdem, Zuversicht könne man trainieren. Wie funktioniert das?
Zuversicht entsteht nicht dadurch, dass man die Zukunft komplett kontrollieren kann. Sie entsteht dadurch, dass man sich auf den nächsten sinnvollen Schritt konzentriert.
Viele Menschen machen den Fehler, gedanklich viel zu weit nach vorne zu springen: Was passiert in fünf Jahren? Was, wenn alles schiefläuft? Das überfordert unser Gehirn oft. Hilfreicher ist die Frage: Was kann ich jetzt tun? Was liegt heute in meiner Hand?
Wenn jemand Angst um seinen Arbeitsplatz hat, könnte der nächste Schritt eine Weiterbildung sein. Wenn jemand krank ist, könnte der nächste Schritt bedeuten, sich gut um den eigenen Körper zu kümmern. Diese Konzentration auf das unmittelbar Machbare reduziert Angst – und daraus entsteht Zuversicht.
Was hilft Ihnen persönlich, wenn Sie merken, dass Ihnen alles zu viel wird?
Die Natur. Ganz eindeutig. Ob Wald, Berge oder einfach Bewegung draußen – das hilft mir unglaublich. In der Natur verändert sich die Perspektive. Man merkt plötzlich, wie klein die eigenen Probleme eigentlich sind.
Wir nehmen uns in unserer Gesellschaft oft sehr wichtig. In der Natur relativiert sich vieles. Und genau das empfinde ich als entlastend.
Beobachten Sie auch, dass vor allem junge Menschen zunehmend unter Druck stehen?
Ja, sehr. Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder möglichst besonders sein soll. Niemand möchte durchschnittlich sein oder „untergehen“. Likes, Aufmerksamkeit und Reichweite sind zu neuen Statussymbolen geworden.
Das erzeugt enormen Druck. Viele junge Menschen definieren ihren Wert darüber, gesehen und bestätigt zu werden. Wenn diese Bestätigung wegfällt, geraten manche in eine tiefe Krise.
Gerade soziale Medien können dazu führen, dass Menschen sich selbst verlieren, weil sie ständig das Gefühl haben, eine Rolle spielen zu müssen.
Was kann man jungen Menschen mitgeben?
Dass echter Selbstwert nur im echten Leben entsteht. Durch Beziehungen, Freundschaften, Familie, sinnvolle Aufgaben und echte Erfahrungen. Der virtuelle Raum kann kurzfristig Aufmerksamkeit geben – aber echte innere Stabilität entsteht dort meistens nicht. Menschen brauchen echte Wurzeln.
Sie schreiben auch, dass Humor eine enorme Kraft hat.
Absolut. Humor ist viel mehr als nur Lachen. Humor ist eine Haltung zum Leben. Humorvolle Menschen schaffen es oft, trotz schwieriger Situationen noch einen anderen Blickwinkel einzunehmen. Sie verlieren nicht komplett die Leichtigkeit. Gerade in Krisenzeiten kann das unglaublich wichtig sein.
Historisch betrachtet haben Menschen Humor immer genutzt, um schwere Zeiten psychisch zu überstehen. Deshalb wünsche ich mir sehr, dass wir als Gesellschaft diesen Humor nicht verlieren.
Zum Schluss müssen wir natürlich noch über Snoopy sprechen. Was können wir von ihm lernen?
Sehr viel, finde ich. Snoopy traut sich immer wieder in neue Situationen hinein. Er probiert Dinge aus, bleibt neugierig und verliert nie seinen Humor. Gleichzeitig nimmt er das Leben nicht permanent toddernst.
Und genau das ist vielleicht eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt: mutig bleiben, spielerisch bleiben und sich selbst nicht ständig so wahnsinnig wichtig nehmen.
Deshalb sage ich gern: Wir sollten im Leben ein bisschen weniger wie Charlie Brown sein – und ein bisschen mehr wie Snoopy.

© Droemer
Bestseller-Autor, Neurowissenschaftler und Psychiater: Prof. Dr. Volker Busch