
© Kristina Mitina
14. Oktober 2026
Christine Bürg & Marianne Waldenfels
Kann Fasten Hitzewallungen und andere Wechseljahresbeschwerden lindern? Dr. Verena Buchinger-Kähler berichtet von überraschenden Erfahrungen mit Patientinnen und erklärt, wie Frauen auf längere Fastenperioden reagieren – und was die Forschung bislang darüber weiß
Ein Interview mit
Dr. med. Verena Buchinger
Der Körper verändert sich, und plötzlich gelten die alten Regeln nicht mehr. Frauen nehmen zu, obwohl sie nicht mehr essen als früher. Nachts rauben ihnen Hitzewallungen den Schlaf, tagsüber machen sich Erschöpfung oder Gelenkschmerzen bemerkbar. Die Wechseljahre können das vertraute Körpergefühl gehörig durcheinanderbringen.
Kann Fasten in dieser Lebensphase helfen? Dr. Verena Buchinger-Kähler, ärztliche Leiterin der Buchinger Wilhelmi Klinik am Bodensee, berichtet von bemerkenswerten Erfahrungen mit Wechseljahresbeschwerden. Im Interview erklärt sie, wie Frauen auf längere Fastenperioden reagieren, was sich über die Wirkung auf den Hormonhaushalt sagen lässt und für wen eine Fastenkur nicht geeignet ist.
Frau Dr. Buchinger-Kähler, kann Fasten Wechseljahresbeschwerden wie Hitzewallungen lindern?
Wir haben in unserer Klinik einige bemerkenswerte Erfahrungen gemacht. Ich erinnere mich an eine Patientin Mitte 50, die massiv unter Hitzewallungen litt. Sie war Geschäftsführerin eines Unternehmens, ihr Make-up verlief ständig, und die Beschwerden waren für sie kaum noch zu ertragen.
Während des Fastens hatte sie zunächst die schlimmsten Hitzewallungen überhaupt. Danach traten sie nach ihrer Aussage kein einziges Mal mehr auf. Auch Gelenkbeschwerden, die bei Frauen häufig vorkommen, können sich während des Fastens deutlich bessern. Ähnliche Erfahrungen machen wir immer wieder.
Wie erklären Sie sich diese Effekte? Welche Wirkung hat Fasten auf die weiblichen Hormone?
Das wissen wir noch nicht genau. Wir können bislang nur Vermutungen anstellen. Gerade zum längeren therapeutischen Fasten fehlen Studien, die diese Zusammenhänge untersuchen.
Sollten Frauen grundsätzlich anders fasten als Männer?
Nein, Frauen und Männer fasten bei uns nach denselben Grundprinzipien. Wir richten uns vielmehr nach den individuellen Bedürfnissen und passen das Fasten entsprechend an.
Allerdings reagieren Frauen teilweise anders. Sie nehmen häufig langsamer ab als Männer, können dafür aber mitunter leichter über längere Zeit fasten.
Woran könnte das liegen?
Ein Unterschied zeigt sich beim Übergang in die Ketose. Das ist der Fastenstoffwechsel, bei dem der Körper statt Zucker zunehmend seine Fettreserven nutzt und daraus Ketonkörper als alternative Energiequelle bildet.
Bei vielen Frauen dauert es länger, bis sie eine stabile Ketose erreichen. Ich denke, dass das mit unserer Biologie zusammenhängt. Der weibliche Körper muss anders mit Energie haushalten, auch im Hinblick auf eine mögliche Schwangerschaft oder Stillzeit. Vielleicht erklärt das diese leichte Verzögerung.
Grundsätzlich wird das Fasten von beiden Geschlechtern gut vertragen. Frauen brauchen möglicherweise etwas länger für die Stoffwechselumstellung, können dafür aber unter Umständen länger fasten. Auch bei der Stimmung gibt es Unterschiede: Nach meiner Erfahrung nehmen Frauen die Fastenzeit häufig mit mehr Gleichmut hin als Männer.
Welche Erfahrungen machen Sie bei Frauen mit hormonellen Störungen wie dem polyzystischen Ovarialsyndrom, kurz PCOS?
Auch bei unerfülltem Kinderwunsch oder hormonellen Problemen wie PCOS berichten Patientinnen von Verbesserungen.
Zum Intervallfasten gibt es bereits erste Untersuchungen. Eine 2025 veröffentlichte Studie deutet darauf hin, dass zeitlich begrenztes Essen, das sogenannte Time-Restricted Feeding, bestimmte hormonelle Auffälligkeiten bei PCOS günstig beeinflussen kann. Dazu gehören erhöhte Testosteronwerte oder ein sehr hoher Wert des Anti-Müller-Hormons.
Dieses Hormon gibt normalerweise Hinweise auf die Eizellreserve, hat bei PCOS aber eine andere Aussagekraft. Es gibt also erste Hinweise, dass diese Form des Fastens für Frauen mit PCOS interessant sein könnte. Ob sich solche Ergebnisse auf längere Fastenperioden übertragen lassen, ist bislang nicht untersucht.
Was genau passiert beim PCOS im Körper?
Das polyzystische Ovarialsyndrom ist eine hormonelle Fehlregulation, die häufig mit unerfülltem Kinderwunsch einhergeht. Oft ist der Testosteronspiegel erhöht. Gleichzeitig reifen viele kleine Follikel heran, die sich gegenseitig in ihrer Entwicklung hemmen. Dadurch bleibt ein regulärer Eisprung häufig aus.
Betroffene Frauen bemerken das etwa an Zyklusstörungen, verstärkter Körperbehaarung oder Hautproblemen wie Akne. Hinzu kommt, dass PCOS häufig mit einer Insulinresistenz verbunden ist.
Deshalb könnte Fasten hier interessant sein. Es beeinflusst den Zuckerstoffwechsel und hat nach unserer Erfahrung auch entzündungshemmende Effekte. Wir haben das Gefühl, dass dadurch eine Art Atempause entsteht, in der sich das hormonelle Gleichgewicht möglicherweise wieder verbessern kann.
Sie waren selbst von PCOS betroffen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ich habe mein PCOS durch Fasten und eine konsequente Veränderung meines Lebensstils in den Griff bekommen. Heute ist es nicht mehr nachweisbar.
Wenn man solche Erfahrungen am eigenen Körper gemacht hat, entwickelt man natürlich eine ganz andere Leidenschaft für das Thema.
Gibt es innerhalb des Menstruationszyklus einen besonders günstigen Zeitpunkt, um mit dem Fasten zu beginnen?
Den einen perfekten Zeitpunkt gibt es aus meiner Sicht nicht. Wenn eine Frau allerdings unter starken prämenstruellen Beschwerden leidet, würde ich ihr nicht empfehlen, ausgerechnet dann anzufangen. Das wäre eine zusätzliche Belastung für den Körper.
Zu Beginn des therapeutischen Fastens gehört bei unserem Konzept auch die Darmentleerung. Sie kann Unterbauchbeschwerden verstärken, wenn ohnehin schon starke Schmerzen bestehen. Das würde ich vermeiden.
Wann beginnen Sie selbst am liebsten?
Am zweiten oder dritten Tag meiner Periode. Ganz ehrlich: Das ist ohnehin nicht gerade meine Lieblingszeit des Monats. Aber danach erlebe ich einen unglaublichen Energieschub. Das ist meine persönliche Erfahrung.
Welche körperlichen Beschwerden stehen in den Wechseljahren häufig im Vordergrund?
In dieser Lebensphase können erhöhte Cholesterinwerte, eine Insulinresistenz oder eine Fettleber auftreten. Auch die Gewichtszunahme ist ein großes Thema. Durch den Wegfall der Periode verbrauchen Frauen nach meiner Einschätzung etwa 250 Kilokalorien weniger pro Tag. Das kann dazu beitragen, dass sie in den Wechseljahren zunehmen.
Beim Fasten können wir an verschiedenen dieser Stoffwechselprozesse ansetzen. Aber es geht nicht nur um das Gewicht. Entscheidend ist, dass Frauen wieder einen guten Zugang zu ihrem Körper finden und sich darin wohlfühlen.
Ein Thema liegt mir dabei besonders am Herzen: der Beckenboden. Er wird noch immer viel zu sehr vernachlässigt. Es ist noch gar nicht lange her, da wurde Frauen gesagt: Ab einem gewissen Alter sind Sie eben inkontinent. Aber das muss überhaupt nicht so sein.
Ich erinnere mich an eine Patientin, die seit zehn Jahren unter Harninkontinenz litt. Bei uns begann sie mit Beckenbodengymnastik. Ein Jahr später kam sie wieder und berichtete, dass die Beschwerden praktisch verschwunden seien. Sie hatte konsequent weitertrainiert.
Während des Fastens ist nach unserer Erfahrung weniger Druck im Bauchraum. Dadurch kann es leichter fallen, die geschwächte Muskulatur bewusst anzuspannen. Deshalb gehört bei uns auch Physiotherapie zum Behandlungskonzept.
Was geben Sie speziell Frauen in den Wechseljahren mit auf den Weg?
Wir Frauen sind unglaubliche, einzigartige Geschöpfe. Wir überleben gewissermaßen den Untergang eines ganzen Organs. So etwas gibt es im Tierreich kaum.
Deshalb möchten wir Frauen auch Raum geben, ein Stück weit Abschied zu nehmen. Was bedeutet es für mich, wenn ich nicht mehr fruchtbar bin? Bin ich dadurch weniger Frau? Wie finde ich mich in dieser neuen Lebensphase zurecht?
Gleichzeitig geht es darum, die Schönheit dieser Veränderung zu erkennen. Wenn sich das Gefühlschaos etwas gelegt hat, kann ich mich fragen: Was brauche eigentlich ich? Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen, mich endlich stärker um meine eigenen Bedürfnisse zu kümmern.
Die Wechseljahre können der Beginn eines neuen Lebensabschnitts sein. Diesen Übergang bewusst zu gestalten, halte ich für sehr wichtig. Solche Fragen greife ich in den ärztlichen Gesprächen auf. Außerdem haben wir Life-Coaches und Psychologen, die unsere Patientinnen dabei begleiten.
Welche Rolle spielt das Fasten bei dieser Neuorientierung?
Beim Fasten verändert sich auch der Stoffwechsel im Gehirn. Dabei spielt unter anderem BDNF eine Rolle, ein Wachstumsfaktor, der an der Plastizität unserer Synapsen beteiligt ist. Dadurch können nach meiner Einschätzung neue Denkstrukturen und Denkmuster entstehen.
Viele Menschen erleben während des Fastens, dass sie mit etwas Abstand auf ihr Leben schauen können. Ich vergleiche das gerne mit einer Adlerperspektive: Man ist nicht mehr so tief in den eigenen Emotionen oder im Schmerz gefangen, sondern betrachtet die Dinge von oben.
Plötzlich kann man sich fragen: Wo möchte ich eigentlich hin? Welche Muster bestimmen mein Leben? Und welche davon möchte ich durchbrechen?
Wie lange sollte eine Frau für ihre erste therapeutische Fastenkur einplanen?
Für Erstfastende empfehle ich mindestens 14 Tage. Es dauert ungefähr drei Tage, bis der Körper richtig im Fastenstoffwechsel angekommen ist. Danach beginnt erst die eigentliche Arbeit: das Loslassen, das In-sich-Hineinhorchen. Anschließend braucht es mindestens drei bis vier Tage für den Kostaufbau. Auch diese Phase ist entscheidend, damit die positiven Effekte von Dauer sein können.
Wer bereits Fastenerfahrung hat, kann durchaus auch mit einem kürzeren Aufenthalt von zehn Tagen gut zurechtkommen. Bei bestehenden Erkrankungen können drei Wochen oder länger sinnvoll sein.
Und wie häufig sollte man eine solche Fastenkur wiederholen?
Ein Abstand von sechs bis zwölf Monaten wäre aus meiner Sicht optimal. Man muss sich das so vorstellen: Wenn eine Frau mit 55 Jahren zum ersten Mal fastet, ist das wie ein großer Hausputz. Wenn ich 55 Jahre in einem Haus gelebt und nie gründlich aufgeräumt habe, dann ist es verdammt anstrengend, vom Keller bis zum Dach alles sauber zu bekommen.
So ähnlich kann sich das erste Fasten anfühlen. Vielleicht schafft man beim ersten Mal noch nicht alles. Aber wenn man dranbleibt und regelmäßig fastet, fällt es leichter.

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