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15. Oktober 2026
Marianne Waldenfels
Eine neue Studie liefert beruhigende Ergebnisse zur Sicherheit von Ashwagandha. Gleichzeitig berichten Ärzte von schweren Leberschäden und sogar Todesfällen. Wie gefährlich ist die beliebte Schlafbeere – und was sollten Menschen wissen, die sie gegen Stress einnehmen?
In Dänemark darf Ashwagandha nicht mehr in Nahrungsergänzungsmitteln verkauft werden. In deutschen Drogerien dagegen steht die Schlafbeere als Kapsel, Pulver oder Fruchtgummi im Regal, beworben als Mittel gegen Stress und für besseren Schlaf. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät seit zwei Jahren von der Einnahme ab. Jetzt legen Forscher aus Indien eine Studie mit 1.200 Teilnehmern vor, die keine Leber- oder Nierenschäden fand. Was also gilt?
In der ayurvedischen Medizin wird Ashwagandha seit Jahrhunderten verwendet. Hierzulande kennt man die Pflanze mit dem botanischen Namen Withania somnifera auch als Schlafbeere, Winterkirsche oder Indischen Ginseng. Genutzt wird vor allem die Wurzel. Über die soziale Medien wurde Ashwagandha innerhalb weniger Jahre zu einem beliebten Nahrungsergänzungsmittel.
Im August 2026 erschien in der Fachzeitschrift Frontiers in Medicine eine der bislang größten placebokontrollierten Studien zu Ashwagandha. 45 Forscher von neun Institutionen hatten unter Leitung des Rheumatologen Dr. Arvind Chopra vom Centre for Rheumatic Diseases im indischen Pune 1.200 gesunde Erwachsene zwischen 18 und 70 Jahren begleitet.
Die Hälfte der Teilnehmer erhielt nach dem Zufallsprinzip 24 Wochen lang täglich 500 Milligramm eines standardisierten, wässrigen Wurzelextrakts. Das entspricht etwa vier Gramm Wurzelpulver. Die andere Hälfte bekam ein Placebo. 1.032 Teilnehmer, rund 86 Prozent, blieben bis zum Ende dabei. Das zentrale Ergebnis: Hinweise auf behandlungsbedingte Leber- oder Nierenschäden fanden die Forscher nicht. Unerwünschte Ereignisse traten in beiden Gruppen ähnlich häufig auf, 337 unter Ashwagandha und 309 unter Placebo.
So beruhigend die Zahlen klingen, sie haben Grenzen. Untersucht wurden ausschließlich gesunde Menschen. Über Patienten mit Leber- oder Schilddrüsenerkrankungen, also genau jene Gruppen, um die sich Behörden sorgen, sagt die Studie wenig aus.
Hinzu kommt ein statistisches Problem. Leberschäden durch Ashwagandha sind sehr selten. Um solche Einzelfälle zuverlässig zu erfassen, reicht auch eine Studie mit 1.200 Teilnehmern nicht aus. Getestet wurde zudem ein bestimmter, standardisierter Extrakt in moderater Dosis. Viele Produkte im Handel sind anders zusammengesetzt oder deutlich höher dosiert.
Schließlich lohnt ein Blick auf die Interessenlage. Die Studie wurde vom indischen Ayush-Ministerium unterstützt, und Indien ist der wichtigste Produzent eines wachsenden Weltmarkts. Falsch werden die Ergebnisse dadurch nicht. Sie belegen aber nur die Verträglichkeit eines bestimmten Extrakts bei gesunden Menschen über ein halbes Jahr, nicht die Sicherheit aller Ashwagandha-Produkte.
Die Vorbehalte der Behörden stützen sich vor allem auf Fallberichte. 2020 beschrieben Forscher um Helgi und Einar Björnsson in der Fachzeitschrift Liver International fünf Patienten aus Island und den USA, die nach der Einnahme von Ashwagandha-Präparaten Leberschäden entwickelt hatten. Die Betroffenen litten unter ausgeprägter Gelbsucht und starkem Juckreiz. Bei vier von ihnen normalisierten sich die Leberwerte innerhalb von ein bis fünf Monaten wieder.
Schwerer wiegt eine Fallserie aus Indien, die 2023 in Hepatology Communications erschien. Die Autoren um den Leberspezialisten Philips beschrieben acht Patienten, die ausschließlich Ashwagandha eingenommen hatten. Fünf von ihnen litten bereits an einer chronischen Lebererkrankung. Drei entwickelten ein akutes Leberversagen und starben. Die Autoren folgern, dass Ashwagandha vor allem für Menschen mit vorgeschädigter Leber gefährlich werden kann.
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt nicht nur wegen der Berichte über Leberschäden vor Ashwagandha. Das Institut verweist auch auf mögliche Einflüsse auf den Hormonhaushalt, darunter Cortisol, Schilddrüsen- und Sexualhormone, sowie auf den Blutzucker. Für eine abschließende Risikobewertung oder die Festlegung einer sicheren Tagesdosis reichen die vorhandenen Daten aus Sicht des BfR nicht aus.
Andere Länder gehen weiter. Dänemark hat Ashwagandha in Nahrungsergänzungsmitteln verboten, die Niederlande planen einen ähnlichen Schritt. Indien selbst untersagte im April 2026 die Verwendung von Ashwagandha-Blättern in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln, erlaubt ist dort nur noch die Wurzel. Kritiker halten das dänische Verbot allerdings für überzogen, weil es sich teilweise auf Daten zu Blättern und anderen Pflanzenteilen stützt statt auf die Wurzel.
Ein weiteres Problem ist die Qualität der Produkte. Bei einem Marktcheck der Verbraucherzentrale NRW im April 2026 wurden 73 Ashwagandha-Produkte untersucht. Viele enthielten unzureichende Warnhinweise, andere waren hoch dosiert: Zehn von zwölf Produkten mit Angaben zum Withanolid-Gehalt überschritten den in Polen geltenden Höchstwert. Nur 27 Prozent der untersuchten Präparate machten genaue Mengenangaben zu Ashwagandha oder seinen Wirkstoffen.
Im Vergleich zu vielen anderen Pflanzenmitteln ist die Wirkung von Ashwagandha recht gut untersucht. Eine Metaanalyse von 2022 wertete zwölf randomisierte Studien mit insgesamt 1.002 Erwachsenen aus und fand eine statistisch signifikante Verringerung von Stress und Angst. Auch beim Schlaf zeigten sich kleine Verbesserungen, vor allem bei einer Einnahme über mehr als acht Wochen, wie das MSD Manual zusammenfasst.
Die meisten dieser Studien sind allerdings klein und kurz, und sie verwenden sehr unterschiedliche Extrakte. Ob sich ihre Ergebnisse auf ein beliebiges Produkt aus dem Drogerieregal übertragen lassen, ist offen.
Nach Empfehlung des BfR sollten diese Gruppen auf Ashwagandha verzichten:
• Schwangere und Stillende
• Kinder
• Menschen mit bestehender oder früherer Lebererkrankung
• Menschen mit Schilddrüsenerkrankungen
Wer Medikamente gegen Diabetes oder für die Schilddrüse nimmt, sollte eine Einnahme vorher ärztlich abklären, da Ashwagandha Blutzucker und Hormonhaushalt beeinflussen kann.
• Nur Wurzelextrakt: Produkte mit Blättern oder der ganzen Pflanze meiden.
• Gehalt prüfen: Seriöse Produkte geben die Menge an Extrakt und Withanoliden genau an.
• Nicht kombinieren: Nicht höher dosieren als angegeben und möglichst nicht mit anderen pflanzlichen Präparaten mischen.
• Warnzeichen kennen: Bei Gelbfärbung von Haut oder Augen, dunklem Urin, starkem Juckreiz, Übelkeit oder ungewöhnlicher Müdigkeit sofort absetzen und einen Arzt aufsuchen.
• Arzt einbeziehen: Vor allem bei Vorerkrankungen oder regelmäßiger Medikamenteneinnahme vorher mit dem Hausarzt sprechen.
Die neue Studie aus Indien liefert wichtige Sicherheitsdaten, aber keine generelle Entwarnung. Denn Ashwagandha ist kein harmloses Pflanzenmittel, nur weil es frei verkäuflich ist. Wie sicher ein Präparat tatsächlich ist, hängt nicht allein von seiner Dosierung und Zusammensetzung ab. Auch die gesundheitlichen Voraussetzungen des Menschen, der es einnimmt, spielen eine entscheidende Rolle.

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