
© Andrea Sawatzki
2. Januar 2026
Marianne Waldenfels
Ob als Schauspielerin, Autorin, Tierschützerin oder ganz einfach als Mensch: Andrea Sawatzki ist eine Klasse für sich. Ein bewegendes Gespräch über ihre Hunderettungen in Rumänien, den Umgang mit Demenz in der Familie und ihren Roman "Biarritz"
Sie ist eine der beliebtesten Schauspielerinnen des Landes - und wahrscheinlich eine der am meisten beschäftigten. Denn neben ihrer Arbeit vor der Kamera ist die Ehefrau des Berufskollegen Christian Berkel und Mutter zweier erwachsener Söhne Filmproduzentin, Podcasterin, Hörbuchsprecherin und Schriftstellerin.
In ihren Werken setzt sie sich mit sehr persönlichen Themen auseinander, wie in ihrem autobiografischen Roman "Brunnenstraße", in dem sie von ihrem Leben als Tochter eines an Alzheimer erkrankten Vaters schreibt, den sie schon im Alter von acht Jahren pflegte. Oder in ihrem neuen Roman Biarritz, in dem sie sich sehr bewegend mit dem schwierigen Verhältnis mit ihrer Mutter beschäftigt.
Die wenige freie Zeit hat Andrea Sawatzki einem ganz besonderen Herzensprojekt gewidmet: dem Tierschutz. So ist sie unter anderem regelmäßig Teil des Teams der Organisation „NaTiNo“ bei Hunderettungsmissionen in Rumänien.
Sie sind vor Kurzem erst von einer Reise aus Rumänien zurückgekommen. Wie lange waren Sie diesmal vor Ort?
Drei Tage. Zuerst ging es in diese furchtbaren Tötungszwinger, in denen ausgesetzte oder kranke Hunde landen – und die Tiere, die von Hundefängern gebracht werden. Dort herrschen grauenvolle Zustände. Die Hunde liegen im Winter auf eiskaltem Boden, ohne Wasser, und verhungern in ihrem eigenen Kot und Urin. So ein Leid habe ich selten gesehen – es hat mich sehr mitgenommen. Wir versuchen, so viele Hunde wie möglich zu retten, und bringen die Tiere, von denen wir glauben, dass wir sie vermitteln können, in ein nahe gelegenes Shelter unserer Organisation. Dort werden sie kastriert, gechippt, geimpft und, falls nötig, zunächst in Quarantäne untergebracht.
Wie kann man sich auf dieses Elend vorbereiten? Wie gehen Sie damit um?
Vorbereiten kann man sich gar nicht. Ich war jetzt zum vierten Mal dort, im Februar dieses Jahres habe ich mit Sabine Peschke von NaTiNo zusammen eine Dokumentation über ihre Arbeit für den WDR gedreht. Bei jeder Reise gibt es Vorkommnisse, die mich einfach nicht mehr loslassen, weil sie so schmerzvoll sind. Wir waren zum Beispiel in einer Tötungseinrichtung und haben wirklich viele Hunde herausgeholt – wir hatten den ganzen Wagen voll, die Hunde waren schon gestapelt.
Aber sechs Welpen mussten wir zurücklassen, für sie hatten wir einfach keinen Platz mehr gefunden. Und die Blicke dieser Hunde, die wir zurückgelassen haben, die werde ich nicht vergessen. Als Nächstes wollen wir versuchen, in Deutschland eine große Aufnahmestation zu errichten, um die Hunde dann schneller hierher bringen zu können, damit sie besser versorgt und leichter vermittelt werden können.
Seit wann sind Sie im Tierschutz aktiv?
Er begleitet mich eigentlich mein ganzes Leben lang. Dass ich mich so intensiv um gequälte Hunde kümmere, begann 2023. Eine unserer Hündinnen, Zazie, ist im Urlaub in Andalusien verloren gegangen – ich befürchte, dass sie jemand mitgenommen hat. Wir waren dann in allen Tierheimen der Gegend, um sie zu suchen. Und dort habe ich das erste Mal von der Situation der Galgos und der Podencos in Spanien erfahren – davon, dass diese Hunde in Spanien nicht dem Tierschutz unterstehen, sondern als Nutztiere gelten.
Sie werden für die Jagd gezüchtet und dürfen deswegen auch, ohne dass die Besitzer irgendeine Strafe zu befürchten hätten, nach der Jagdsaison auf teilweise grausamste Art und Weise getötet werden. Das macht mich fassungslos. Ich versuche, wann immer ich Zeit habe, zu den Galgo-Märschen hier in Deutschland zu gehen, um auf diese Missstände aufmerksam zu machen.
Sie besitzen heute selbst Hunde. Begann Ihre Liebe zu Tieren schon in der Kindheit?
Ja, Tiere waren bereits in meinem frühesten Kindesalter meine besten Freunde. Und ich erinnere mich, dass ich schon, als ich ganz, ganz klein war, mit Schnecken und Regenwürmern gespielt habe. Ich liebe diese Tiere bis heute und rette sie auch immer, wenn ich spazieren gehe und sich einige Exemplare über den Weg schlängeln und Gefahr laufen, zertreten zu werden. Dann trage ich sie ins Gebüsch, damit sie weiterleben können.
Die Begegnung und das Miteinander mit Tieren kann ja durchaus heilende Wirkung auf uns Menschen haben.
Ich finde, Hunde sind die besten Therapeuten, die sich ein Mensch wünschen kann – das habe ich schon in meiner Kindheit erlebt. Wenn ich niemanden hatte, um mich auszutauschen, wenn ich traurig war, dann fand ich immer Trost bei den Tieren oder in der Natur. Und Hunde im Speziellen waren mir schon immer nah. Ich erinnere mich: Als ich vielleicht drei, vier Jahre alt war und bei meiner Pflegemutter lebte, gab es in der Nachbarschaft einen Schäfer mit Schafen, und der besaß drei Kettenhunde. Diese Kettenhunde haben niemanden an sich herangelassen – außer mich. Ich war die Einzige, die in ihre Hundehütten durfte. Irgendwie habe ich so ein ganz tiefes Gefühl für diese Lebewesen.
In Ihrem autofiktionalen Roman „Brunnenstraße“ haben Sie von der Demenz Ihres Vaters erzählt. In Ihrem neuen Buch „Biarritz“ geht es nun um die schwierige Beziehung zwischen einer Tochter und ihrer Mutter, die ebenfalls an Demenz erkrankt ist. Was hat es bei Ihnen ausgelöst, als Sie das erste Mal mitbekommen haben, dass Ihre Mutter erkrankt ist – nachdem Sie als Kind und Jugendliche Ihren Vater jahrelang gepflegt haben?
Ich habe das bemerkt, als ich, wie ich es auch im Roman beschreibe, meine Mutter in Ebersberg, wo sie lebte, besucht und den Kühlschrank geöffnet habe. Dieses Kühlschrankinnere war das reinste Desaster und da dachte ich: verflixt! Einerseits war es ein Schock und andererseits war es so ein Gefühl, als würde da etwas passieren, was ich vorher schon gesehen hatte. Weil das Alter durch die Erlebnisse mit meinem Vater unweigerlich mit Demenz verknüpft war.
Mir war ganz klar: Wenn man älter wird, ist man irgendwann auf andere Menschen oder auf Hilfe angewiesen – was natürlich nicht zwangsläufig stimmt. Aber dieser Gedanke hatte sich so bei mir eingefräst. Und bei meiner Mutter war das schon schwierig, weil sie nie in ein Altenheim wollte. Ich habe sie nach Berlin geholt und musste sie in einem Altenheim unterbringen – in einem sehr schönen, aber es gefiel ihr nicht, weil sie sich nicht alt fühlte.
Sie war damals Anfang 80 und empfand das als despektierlich. Es war für mich die einzige Möglichkeit, sie auch vor sich selbst zu schützen. Denn was das bedeutet, einen an Alzheimer erkrankten Menschen zu Hause zu haben, das müsste inzwischen eigentlich jedem klar sein. Man kann sie keine Sekunde allein lassen.
Was würden Sie jemandem raten, der merkt, dass der Vater oder die Mutter an Demenz erkrankt?
Nach meinen Lesungen habe ich viele Gespräche mit dem Publikum. Denn Alzheimer und Demenz sind Erkrankungen, die irgendwann jeden von uns treffen können. Und ich weiß mir da tatsächlich keinen Rat. Ich finde, wir kümmern uns viel zu wenig um die alten Menschen. Um die Menschen, die so vieles für uns aufgebaut haben, denen wir so viel zu verdanken haben.
Wir sollten darüber nachdenken, was wir machen können, damit es den alten Menschen bis zu ihrem Tod gut geht. Ich habe vor einiger Zeit eine Dokumentation über ein Modell in Dänemark gesehen. Dort werden teilweise große Gehöfte für alte Menschen, ihre Lebensgefährten, Freunde und Pfleger umgebaut. Auch für Demenzkranke. Das Gelände wird von Kameras überwacht, und diese Häuser stehen in riesigen Parks. Die Bewohner können jederzeit raus, Tag und Nacht, es gibt dort Hühner und Hunde, die sie streicheln können. Die Menschen, die dort leben, behalten bis zum letzten Atemzug ihre Würde.
Wie haben Sie es geschafft, die Traumata, die Sie als Kind und Jugendliche erlitten haben, nicht an Ihre Kinder weiterzugeben?
Als unser erster Sohn zur Welt kam, habe ich gemerkt, dass ich nicht so war, wie ich sein wollte. Dass mich etwas daran hindert, reine Freude zu empfinden oder wirklich von Herzen lieben zu können. Es war etwas Unverarbeitetes in mir, das ich aber nicht wirklich deuten konnte. Ich habe mich ständig selbst kontrolliert, mich selbst beobachtet, ob ich alles richtig mache. Es ist ja so: Wenn man die Erlebnisse einer nicht so fabelhaften Kindheit in sich trägt, dann versucht man das beim Heranwachsen, beim Älterwerden wegzudrücken. Um einigermaßen überleben zu können, schiebt man diese dunklen Bilder beiseite.
Ich habe dann eine Analyse begonnen. Die Arbeit an mir ist mir sehr schwergefallen und hat mich zum Teil wahnsinnig genervt. Sie hat mir schlussendlich aber etwas gebracht, weil ich mich den Geistern der Vergangenheit stellen konnte. Ich habe die Bilder von damals hochgeholt und mich der Kindheit gestellt, auch meinem eigenen Schuldgefühl, das ich seitdem mit mir herumgeschleppt habe. Ich glaube, nur wenn man das Kind in sich wiederfindet und lernt, sich zu akzeptieren, so wie man ist, und sich zu lieben, nur dann kann man Liebe weitergeben. Und nur dann wird es auch irgendwann wieder hell im Leben.
In Ihrem Podcast „Siege der Medizin“ erzählen Sie von den beeindruckenden Errungenschaften der Medizingeschichte, aber auch von den Menschen, die für diese gekämpft haben. Was hat Sie besonders beeindruckt?
So viele dieser Errungenschaften und Persönlichkeiten. In der aktuellen Staffel geht es zum Beispiel um die Pest. Ein sehr unheimliches Thema – es sind ja damals auch viele Gemälde, Geschichten und Mythen rund um diese grausame Krankheit entstanden. Ich fand spannend zu beleuchten, was die Pest tatsächlich ist, wie sie entstanden ist und was hinter den Mythen steckt.
Ihr Mann und Sie sind ja sowohl als Schauspieler wie auch als Drehbuchautoren, Hörbuchsprecher, Produzenten und eben Schriftsteller schwer beschäftigt. Geben Sie sich beim Schreiben gegenseitig kreativen Input?
Wir lesen die Texte des anderen erst, wenn das Buch druckfrisch ist. Vorher sprechen wir kaum darüber, woran wir gerade schreiben oder was uns durch den Kopf geht. Natürlich sagen wir uns dann unsere Meinung – darüber, was wir toll am Buch des anderen finden oder was uns jetzt vielleicht nicht ganz so gut gefallen hat. Wir kritisieren uns aber in sehr schonender Form, wobei ich an den Büchern meines Mannes eigentlich nichts zu kritisieren habe. Ich bin einfach sein größter Fan.
Was machen Sie eigentlich am liebsten? Schauspielern, schreiben, oder produzieren?
Das kann man so nicht sagen. Für mein Buch habe ich drei Jahre gebraucht. Jetzt ist der Punkt gekommen, an dem ich mich wieder sehr auf die Dreharbeiten freue. Und natürlich auf meine große Lesetour mit Biarritz im Januar und Februar (Termine auf piper.de).
Herzensprojekt: Für die Tierschutzorganisation „NaTiNo“ reist Andrea Sawatzki regelmäßig nach Rumänien, um Tiere aus Tötungsstationen zu retten. Spenden, Tiervermittlung und weitere Infos über: natino.de

© Andrea Sawatzki
"Ich finde, Hunde sind die besten Therapeuten, die sich ein Mensch wünschen kann", sagt die Schauspielerin

Jüngster Bestseller: "Biarritz" über das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter. Piper Verlag