
© Bozan Güzel
Der Wunsch nach einem jungen Look war nicht immer so präsent wie heutzutage
27. März 2026
Judith Cyriax und Margit Hiebl
Viele Menschen fühlen sich heute deutlich jünger, als es ihr tatsächliches Alter vermuten lässt. Eine Langzeitstudie zeigt: Das subjektive Alter sinkt seit Jahrzehnten. Was dahintersteckt – und wie Ärztinnen und Ärzte diesen Wandel in ihrer Praxis erleben


Mit
Prof. Dr. med. Andreas Menke und Dr. med. Christine Mielke
„Werd’ ich noch jung sein, wenn ich älter bin?“ Diese Frage stellte Konstantin Wecker bereits in den 1980er-Jahren. Heute wirkt sie erstaunlich aktuell – und die Antwort fällt positiver aus, als viele erwarten würden.
Eine Langzeitstudie der Humboldt-Universität zu Berlin mit rund 15.000 Teilnehmenden zeigt: Das subjektive Alter hat sich über Generationen hinweg deutlich verändert. Menschen fühlen sich heute im höheren Alter jünger als früher.
Während sich 1936 Geborene im Alter von 65 Jahren im Schnitt etwa siebeneinhalb Jahre jünger fühlten, lag dieser Abstand bei 1946 Geborenen bereits bei über zehn Jahren. Mit anderen Worten: Wir werden nicht nur älter – wir erleben uns auch anders.
Dass sich Menschen jünger fühlen, ist kein Zufall. Mehrere Entwicklungen tragen dazu bei:
Hinzu kommt ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein. Wer sich bewegt, bewusst ernährt und aktiv bleibt, erlebt das eigene Alter oft ganz anders als frühere Generationen.
Der Wandel des subjektiven Alters bleibt nicht ohne Folgen. Ärztinnen und Ärzte beobachten, dass Patientinnen und Patienten heute andere Erwartungen haben als noch vor wenigen Jahrzehnten.
„Wer sich jünger fühlt, hat im Allgemeinen ein höheres Wohlbefinden, bleibt länger gesund und lebt oft auch länger“, sagt Prof. Dr. Andreas Menke, ärztlicher Direktor des Medical Park Chiemseeblick.
Gleichzeitig steigt der Anspruch: Es geht nicht mehr nur darum, Beschwerden zu behandeln – sondern darum, Lebensqualität, Aktivität und Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten.
Wie unterschiedlich sich dieser Wandel im medizinischen Alltag zeigt, wird in verschiedenen Fachbereichen deutlich:
In der Augenheilkunde zeigt sich der Wandel besonders deutlich. „Weil die Menschen aktiver sind, steigt auch der Wunsch nach Unabhängigkeit von einer Brille“, erklärt Augenärztin Dr. Christine Mielke.
Gutes Sehen ist heute eng mit Lebensqualität verknüpft – sei es beim Sport, im Alltag oder bei digitalen Anwendungen. Moderne Intraokularlinsen ermöglichen es zunehmend, mehrere Sehbereiche gleichzeitig zu verbessern.
Wer gut sieht, bleibt auch länger aktiv. Besseres Sehen sorgt für eine deutlich aktivere Lebensweise bis ins hohe Alter, so die Chirurgin. In den letzten 15 Jahren habe daher die Implantation von Linsen mit refraktivem Zusatznutzen in ihrem OP-Zentrum zugenommen, auch bei PatientInnen, die sich primär wegen einer Linsentrübung vorstellen.
Möglich ist diese Entwicklung durch den medizinischen und technischen Fortschritt – insbesondere durch die hohe Qualität der heute verfügbaren Intraokularlinsen (IOL). „Moderne Intraokularlinsen können die Notwendigkeit, nach der Operation eine Brille zu tragen, deutlich reduzieren“, so Dr. Mielke.
Als geradezu bahnbrechend bezeichnet sie hier die Entwicklung von sogenannten torischen IOL, die gleichzeitig einen bestehenden Astigmatismus korrigieren. „Aber auch Presbyopiekorrigierende IOL, die zur Korrektur der Altersweitsichtigkeit dienen, haben gigantische Entwicklungen und Verbesserungen der optischen Qualität im letzten Jahrzehnt erfahren.“
Auch die Haut spielt eine zentrale Rolle beim subjektiven Alter. „Das Gesicht ist das erste Körperteil, an dem Alter sichtbar wird“, sagt Dermatologe Dr. Stefan Duve.
Wie stark sich dieser Prozess beeinflussen lässt, ist eine der häufigsten Fragen in der Praxis. Dr. Duve: „Tatsächlich jünger machen lässt sie sich leider nicht. Man kann jedoch durch die Klassiker der minimalinvasiven Dermatologie – allen voran Botox und Unterspritzungsmittel –, aber auch durch Laserbehandlungen oder Fäden ein ebenmäßigeres, glatteres und gepflegtes Hautbild erlangen.“
Genetische Faktoren spielen bei der Hautalterung eine wichtige Rolle, aber auch der persönliche Lebensstil entscheidet, wie schnell die Haut altert. Genau dieser ist bei den meisten Menschen der Grund dafür, warum sie sich jünger fühlen. „Lifestyle-Gewohnheiten haben viel mehr Gewicht als früher. Heute weiß man, dass eine passende Pflege, gesunde Ernährung und regelmäßiger Sport ausschlaggebend für ein jüngeres Mindset und einen gesünderen Körper sind“, so Dr. Duve.
Auch sogenannte noninvasive Skin-Booster können ein paar Jahre aus dem Gesicht zaubern. So sorgt beispielsweise das „AGNES Radiofrequenz-Microneedling“ für eine leichte Straffung der Haut, die Ultraschall-Liftingmethode „Ultherapy“ reduziert Fältchen rund um Mund und Augen und strafft die Kinnkontur.
Ein Rat des Arztes: „Irgendwo am restlichen Körper verrät sich dann doch das eigentliche Lebensalter, weswegen auch dieser durch effektive Behandlungen, Stichwort Bodycontouring, jünger gehalten werden sollte.“
Der Wunsch, das äußere Erscheinungsbild an das eigene Lebensgefühl anzupassen, hat zugenommen. „Eine der effektivsten Maßnahmen ist die Lidstraffung“, erklärt Prof. Dr. Thilo Schenck.
Auffällig ist: Viele Patientinnen und Patienten beginnen heute früher mit kleineren, regelmäßigen Eingriffen statt mit einem großen späteren Schritt.
Das Ziel ist nicht, jünger auszusehen als möglich – sondern eine frischere Version des eigenen Ichs.
Das Durchschnittsalter von Schencks Patienten beläuft sich dabei zurzeit auf rund 43 Jahre. Für ihn genau das genau der richtige Zeitpunkt: „Vor allem, was das Gesicht betrifft, ist es sinnvoll das Reverse-Aging mit regelmäßigen kleinen Eingriffen zu beginnen. So kann man sich sukzessive an das gewünschte Ergebnis heranarbeiten." Mit einer dauerhaften medizinischen Begleitung werden die Ergebnisse graduell auch immer natürlicher als mit einem einmaligen großen Eingriff.
In der Orthopädie zeigt sich besonders deutlich, wie sich Erwartungen verändert haben.
In der Vergangenheit war man zufrieden, den Alltag schmerzfrei bewältigen zu können. „Heute wollen Menschen auch im höheren Alter aktiv bleiben und Sport treiben“, sagt Prof. Dr. Rüdiger von Eisenhart-Rothe vom Klinikum rechts der Isar in München.
Dank moderner Implantate und Operationstechniken ist vieles möglich: Skifahren, Wandern oder Radfahren auch nach Gelenkersatz. Wichtig ist dabei eine realistische Einschätzung. Denn so sehr sich Menschen jünger fühlen – der Körper setzt weiterhin Grenzen.
Am Anfang muss daher immer eine realistische Auf- und Abklärung dessen stehen, was realisierbar ist und was PatientInnen sich wünschen. Doch mit dem heutigen technischen Stand von Implantaten und Endoprothesen ist sehr viel machbar: Wer vorher Ski gefahren ist, kann das dann auch wieder tun. „Wir empfehlen nur, den Fahrstil etwas anzupassen – nicht weil die Prothese das nicht aushält, sondern weil es nicht zu einem Unfall kommen soll.“
Ist eine Operation unumgänglich, wird heute auch aus funktionalen Gründen nicht mehr bis zum letzten Augenblick gewartet. „Inzwischen weiß man, dass die Funktion des Gelenks vor der Operation ganz wesentlich bestimmt, wie die Funktion danach ist“, so Prof. Dr. von Eisenhart-Rothe. „Wartet man zu lange, kann es sein, dass Hüfte oder Knie nicht mehr auf das gewünschte Niveau gebracht werden können.“
So positiv der Trend ist – entscheidend bleibt die psychische Gesundheit.
„Bin ich psychisch gesund, fühle ich mich jünger. Ist das nicht der Fall, kann sich das Gegenteil einstellen“, erklärt Prof. Dr. Andreas Menke, ärztlicher Direktor des Medical Park Chiemseeblick, Fachklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
Gerade Übergänge wie der Eintritt in den Ruhestand können kritisch sein. Fehlen Aufgaben oder soziale Einbindung, steigt das Risiko für Depressionen – mit spürbaren Folgen für Lebensqualität und Gesundheit.
Eine schwere Depression setzt einen dann komplett außer Gefecht. „Das fühlt sich nicht nur schlecht an, es wirkt sich auch auf die Lebenserwartung aus“, so Menke. Studien zeigten, dass sich die Lebenserwartung um 10 bis 15 Jahre reduziert. „Deshalb sollten auch Sich-jung-Fühlende markante Einschnitte, wie den Eintritt ins Rentenalter, nicht unterschätzen“, so Menke.
„Darauf muss man sich vorbereiten, um nicht in ein Loch zu fallen, wenn man keine sinnvolle Aufgabe mehr hat oder nicht mehr ausgelastet ist.“ Nicht selten führt dies zu Depressionen, durch die man dann unter seinen Möglichkeiten bleibe, so Menke.