
© Markus Winkler
2. Januar 2026
Birgitta Dunckel
Als „Blue Zones“ werden fünf Gegenden auf der Welt bezeichnet, deren Bewohner viel länger als der Durchschnitt leben und seltener krank werden. Wo liegen die Ursachen?
Je älter wir werden, desto anfälliger sind wir für Krankheiten. Wie man die Gesundheitsspanne verlängern kann, ist Gegenstand der Longevity-Forschung. Bei der Suche nach Antworten beschäftigen sich Wissenschaftler intensiv mit den sogenannten „Blue Zones" – Regionen, in denen Menschen deutlich häufiger 100 Jahre alt werden als anderswo.
Blaue Zonen wurden vom US-Journalisten Dan Buettner zum ersten Mal 2005 im Magazin National Geographic in der Titelgeschichte „The Secrets of a Long Life" erwähnt. Buettner entdeckte weltweit bestimmte Regionen, in denen auffällig viele Menschen sehr viel länger leben und dabei gesund bleiben als in anderen Gegenden.
In diesen über den Globus verteilten Gebieten werden die sogenannten Super Ager oft über 100 Jahre alt – und das ohne typische Zivilisationskrankheiten wie Krebs, Herz-Kreislauf-Probleme und Alzheimer.
Der Name hat eine interessante Entstehungsgeschichte: Der Demograf Dr. Michel Poulain war im Jahr 2000 gemeinsam mit Gianni Pes, einem sardischen Arzt, an der Altersbestimmung zahlreicher Hundertjähriger auf Sardinien beteiligt. Die Orte mit den meisten Hundertjährigen markierten sie auf der Karte mit einem blauen Stift.
So entstand die erste Blaue Zone. Anschließend erweiterten die beiden Forscher in Zusammenarbeit mit Dan Buettner den Begriff und verwendeten ihn für weitere Langlebigkeitsgebiete weltweit.
Die sardische Provinz Ogliastra hat die höchste Konzentration von Männern über 100 Jahren weltweit. In den bergigen Regionen leben Schäfer, die täglich mehrere Kilometer mit ihren Herden zurücklegen und sich hauptsächlich pflanzlich ernähren.
Auf dieser japanischen Insel leben die ältesten Frauen der Welt. Die Okinawaner praktizieren das Konzept „Ikigai" – den Sinn des Lebens – und pflegen lebenslange Freundschaften in sogenannten MOAI-Gruppen.
Die kleine Halbinsel in Costa Rica weist die zweithöchste Konzentration von hundertjährigen Männern auf. Die Bewohner leben nach ihrem „plan de vida" – ihrem Lebensplan – und profitieren von viel Sonnenschein und Bewegung im Freien.
Auf dieser griechischen Insel wird jeder Dritte 90 Jahre alt. Ikaria hat eine der weltweit niedrigsten Demenzraten. Die mediterrane Ernährung mit viel Olivenöl und der entspannte Lebensstil spielen hier eine zentrale Rolle.
Die kalifornische Stadt hat die höchste Konzentration an Siebenten-Tags-Adventisten im Land. Diese religiöse Gemeinschaft praktiziert eine strenge biblische Ernährung, verbietet Alkohol und Rauchen und fördert regelmäßige Bewegung.
Alle Blue Zones verfügen über eine gute Gesundheitsversorgung und liegen in sonnigen Gebieten. Ein Vitamin-D-Mangel, der lebensverkürzend wirken kann, ist dort äußerst unwahrscheinlich. Laut Dan Buettner haben jedoch vor allem Ernährung, Lebensstil und soziale Strukturen einen besonders großen Einfluss auf die Langlebigkeit.
Buettner identifizierte insgesamt neun Faktoren, die für ein langes, gesundes Leben sorgen – die sogenannten „Power-9":
Viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte und natives Olivenöl stehen auf dem Speiseplan. Milchprodukte werden sparsam konsumiert, Fisch und weißes Fleisch nur selten. In allen Blue Zones gilt: Es wird gegessen, was in der Umgebung wächst und die aktuelle Saison hergibt. Rotes Fleisch kommt praktisch nicht vor.
Die Bewohner der Blue Zones hören mit dem Essen auf, wenn der Magen zu 80 Prozent gefüllt ist. Diese Regel verhindert Überessen und fördert ein gesundes Körpergewicht. Gemeinsame Mahlzeiten haben einen hohen Stellenwert und werden bewusst zelebriert.
Die Menschen in den Blue Zones trinken wenig oder gar keinen Alkohol – maximal ein bis zwei Gläser Rotwein täglich in Gesellschaft oder zum Essen. Alkohol wird nie isoliert konsumiert, sondern immer im sozialen Kontext.
Statt intensivem Sport praktizieren die Bewohner natürliche Bewegung: Sie gehen zu Fuß, benutzen das Fahrrad, arbeiten täglich auf dem Feld oder im Garten und verbringen viel Zeit an der frischen Luft. Wie die Schäfer auf Sardinien, die täglich mehrere Kilometer mit ihren Tieren zurücklegen.
Die Okinawaner nennen es „Ikigai", die Nicoyaner „plan de vida". Beides bedeutet: „Warum stehst du morgens auf und was macht dein Leben lebenswert?" Wer seine Berufung gefunden hat, lebt zufriedener und in Balance. Dieser Lebenssinn gibt Orientierung bis ins hohe Alter.
Auch in den Blue Zones gibt es Stress. Doch die Menschen haben Rituale in ihren Tag integriert, die Stress aktiv abbauen: kurze Spaziergänge, Gebete, Meditation oder ein kurzes Mittagsschläfchen. Diese Auszeiten sind fest im Tagesablauf verankert.
In jeder Blue Zone kommt die Familie an erster Stelle. Man kümmert sich intensiv und liebevoll um Alte und Junge. Oft leben mehrere Generationen unter einem Dach, sodass Kinder mit Eltern und Großeltern aufwachsen. Das schafft Geborgenheit, Sicherheit und Zufriedenheit.
Die Bewohner der Blue Zones sind in ihren Orten sozial aktiv und gehören meist einer Organisation, Gruppe oder religiösen Gemeinschaft an, der sie sehr verbunden sind. Diese soziale Einbindung gibt Halt und Struktur.
Ein Geheimnis der Okinawaner sind die MOAI – lebenslange Freundschaften. Schon in der Kindheit werden kleine Gruppen gebildet, die sich gegenseitig unterstützen und regelmäßig treffen, bis ins hohe Alter. Diese stabilen sozialen Netzwerke fördern emotionales Wohlbefinden.
Die Forschung in den Blue Zones hat gezeigt, dass Genetik nur etwa 20-30 Prozent der Langlebigkeit ausmacht. Die restlichen 70-80 Prozent werden durch Lebensstil, Ernährung und soziale Faktoren bestimmt. Das bedeutet: Jeder kann durch bewusste Entscheidungen seine Gesundheitsspanne verlängern.
Besonders bemerkenswert ist, dass in den Blue Zones nicht nur die Lebenserwartung höher ist, sondern vor allem die Anzahl gesunder Lebensjahre. Die Menschen bleiben bis ins hohe Alter aktiv, selbstständig und geistig fit.
Die gute Nachricht: Viele Prinzipien der Blue Zones lassen sich auch in unseren Alltag integrieren:
Natürlich können wir nicht alle Faktoren wie Klima, Sonneneinstrahlung oder traditionelle Gemeinschaftsstrukturen einfach kopieren. Aber die Grundprinzipien sind universell anwendbar.
Einige Wissenschaftler kritisieren, dass die Daten aus den Blue Zones nicht immer vollständig überprüfbar sind, besonders bei älteren Geburtsurkunden. Zudem könnten weitere Faktoren wie genetische Besonderheiten oder Umwelteinflüsse eine größere Rolle spielen als angenommen. Dennoch gelten die Erkenntnisse über Ernährung, Bewegung und soziale Bindungen als wissenschaftlich fundiert.
Die Blue Zones zeigen eindrucksvoll, dass ein langes, gesundes Leben kein Zufall ist. Die Power-9-Prinzipien bieten einen praktischen Leitfaden für mehr Gesundheit und Lebensqualität:
Ernährung: Eine überwiegend pflanzenbasierte Kost mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkorn bildet die Grundlage.
Bewegung: Natürliche, regelmäßige Bewegung im Alltag ist wichtiger als intensives Training.
Soziale Bindungen: Familie, Freundschaften und Gemeinschaft sind essentiell für ein erfülltes, langes Leben.
Lebenssinn: Ein klarer Lebenszweck gibt Orientierung und Motivation bis ins hohe Alter.
Stressmanagement: Tägliche Rituale zum Stressabbau schützen Körper und Geist.
Die Botschaft der Blue Zones ist optimistisch: Wir haben es zu einem großen Teil selbst in der Hand, wie gesund wir altern. Indem wir die Prinzipien der Blue Zones in unseren Alltag integrieren, können wir unsere Chancen auf ein langes, gesundes und erfülltes Leben deutlich verbessern.
Es geht dabei nicht um radikale Veränderungen, sondern um nachhaltige Anpassungen im Lebensstil. Schon kleine Schritte in Richtung der Power-9-Prinzipien können einen positiven Effekt auf Gesundheit und Wohlbefinden haben.