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Der „Sleepy Girl Mocktail“ besteht aus Mineralwasser, Kirschsaft und Magnesium
8. Januar 2026
Birgitta Dunckel
Wundermittel für besseren Schlaf oder TikTok-Hype? Ein Mix aus Sauerkirschsaft, Magnesium und Mineralwasser soll beim Ein- und Durchschlafen helfen. Was steckt hinter dem Social-Media-Trend "Sleepy Girl Mocktail?
Schlaf ist eine der wichtigsten Säulen unserer Gesundheit – und dennoch leiden Millionen Menschen unter Ein- und Durchschlafproblemen. Ein viraler Trend aus den sozialen Medien verspricht jetzt Abhilfe: der sogenannte Sleepy Girl Mocktail. Doch hält das angebliche Schlafwunder, was TikTok verspricht? Wir schauen uns die Zutaten, die Wissenschaft und sinnvolle Alternativen genau an.
Guter Schlaf ist kein Luxus, sondern eine biologische Notwendigkeit. Während wir schlafen, laufen im Körper und Gehirn essentielle Prozesse ab: Zellen regenerieren sich, das Immunsystem wird gestärkt, Erinnerungen werden konsolidiert und Stresshormone abgebaut. Chronischer Schlafmangel hingegen ist mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen, Diabetes, Übergewicht, Depressionen und einem geschwächten Immunsystem verbunden.
Laut einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) leidet etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung regelmäßig unter Schlafproblemen. Die Ursachen sind vielfältig: Stress, unregelmäßige Schlafzeiten, zu viel Bildschirmzeit, Lärm, falsche Ernährung oder auch psychische Belastungen.
Kein Wunder also, dass viele Menschen nach einfachen, natürlichen Lösungen suchen – und der Sleepy Girl Mocktail genau in diesen Nerv trifft.
Der Sleepy Girl Mocktail wurde vor allem durch die TikTok-Creatorin Gracie Norton populär, die das Rezept 2023 auf ihrer Seite teilte und damit Millionen von Aufrufen erzielte. Seitdem haben unzählige Nutzerinnen und Nutzer das Getränk ausprobiert und ihre – meist positiven – Erfahrungen geteilt.
Das Grundrezept ist denkbar einfach:
Alles zusammen in ein Glas geben, umrühren – fertig. Der Drink wird empfohlen, ihn etwa 30–60 Minuten vor dem Schlafengehen zu trinken.
Was den Trend so attraktiv macht: Er ist alkoholfrei, leicht zuzubereiten, relativ günstig und klingt natürlich und gesund. Doch was sagt die Wissenschaft dazu?
Sauerkirschsaft – insbesondere der Saft der Montmorency-Kirsche – wird seit Jahren in der Schlafforschung untersucht. Er enthält zwei relevante Wirkmechanismen:
Sauerkirschen enthalten das Schlafhormon Melatonin, das den menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus reguliert. Die empfohlene Dosis zur Einschlafunterstützung liegt bei 1–2 mg Melatonin täglich.
Das Problem: 100 Gramm Sauerkirschsaft enthalten laut Studien nur etwa 0,0001 mg Melatonin – also einen winzigen Bruchteil der wirksamen Dosis. Um allein über den Saft auf eine relevante Menge zu kommen, müsste man literweise davon trinken – was weder realistisch noch gesund wäre.
Interessanter ist ein zweiter Mechanismus: Sauerkirschen enthalten Procyanidine und Anthocyane, die die Aktivität des Enzyms MAO-A hemmen. Dieses Enzym baut Tryptophan ab – eine Aminosäure, aus der der Körper Serotonin und in der Folge Melatonin herstellt. Durch die Hemmung dieses Enzyms kann also mehr körpereigenes Melatonin produziert werden.
Eine kleine Studie aus dem Jahr 2012 zeigte, dass Probanden, die zwei Wochen lang täglich Sauerkirschsaft tranken, im Schnitt 34 Minuten länger schliefen und eine bessere Schlafeffizienz aufwiesen. Allerdings war die Studie sehr klein und ist nicht repräsentativ.
Besonders melatoninreich ist die Montmorency-Kirsche, die jedoch in Deutschland kaum erhältlich ist. Im deutschen Handel findet sich meist Saft aus anderen Sauerkirschsorten, deren Melatoningehalt deutlich geringer ist. Wer also auf die schlaffördernde Wirkung hofft, sollte beim Kauf genau auf die Sorte achten – oder auf importierte Produkte setzen.
Magnesium ist an über 300 enzymatischen Prozessen im Körper beteiligt – darunter auch solche, die den Schlaf direkt beeinflussen.
Magnesium ist an der Produktion von Serotonin und Melatonin beteiligt. Außerdem aktiviert es den GABA-Rezeptorim Gehirn – GABA ist ein hemmender Neurotransmitter, der das Nervensystem beruhigt und das Einschlafen erleichtert. Gleichzeitig hemmt Magnesium die Ausschüttung von Cortisol, dem wichtigsten Stresshormon.
Studien zeigen, dass ein Magnesiummangel mit schlechterer Schlafqualität, häufigem nächtlichen Aufwachen und Unruhe verbunden ist.
In Deutschland ist ein echter klinischer Magnesiummangel selten. Wer sich abwechslungsreich ernährt – viel Vollkornprodukte, Nüsse, Hülsenfrüchte und Gemüse – nimmt in der Regel ausreichend Magnesium auf. Als Nahrungsergänzungsmittel ist es für gesunde Menschen daher oft nicht notwendig.
Ausnahmen gibt es jedoch: Menschen mit bestimmten Erkrankungen (z. B. Diabetes, Nierenerkrankungen), ältere Menschen, Sportler mit hohem Schweißverlust oder Personen unter chronischem Stress können von einer Supplementierung profitieren.
Nicht alle Magnesiumformen sind gleich. Im Mocktail empfehlen viele Nutzer Magnesiumglycinat oder Magnesiumcitrat, da diese Formen besonders gut vom Körper aufgenommen werden und sanft auf die Verdauung wirken. Magnesiumoxid hingegen – oft in günstigen Produkten enthalten – wird schlechter absorbiert und kann eher Magenprobleme verursachen.
Wichtig: Eine Überdosierung von Magnesium kann Durchfall und Bauchkrämpfe auslösen – kein angenehmer Begleiter für eine ruhige Nacht. Die empfohlene Tagesdosis für Erwachsene liegt bei 300–400 mg.
Ehrlich gesagt: Die wissenschaftliche Beweislage für den Sleepy Girl Mocktail als Ganzes ist dünn. Es gibt keine Studien, die das spezifische Getränk in dieser Form untersucht haben. Die einzelnen Zutaten haben zwar ein gewisses schlafförderndes Potenzial – aber in den im Mocktail enthaltenen Mengen ist eine durchschlagende Wirkung eher unwahrscheinlich.
Was jedoch gut belegt ist: der Placebo-Effekt. Wer glaubt, dass ein Mittel hilft, und eine entspannende Abendroutine damit verknüpft, schläft tatsächlich besser. Das Ritual des Zubereitens, das bewusste Abschalten und die positive Erwartungshaltung können messbare Effekte auf den Schlaf haben. In diesem Sinne schadet der Mocktail nicht – und könnte als Teil einer gesunden Schlafroutine durchaus sinnvoll sein.
Wer den klassischen Sleepy Girl Mocktail ausprobieren möchte, kann ihn nach Belieben variieren:
Klassisch:
Wärme-Variante (für kalte Winterabende):
Extra-entspannend:
Ohne Sprudelwasser:
Wer ernsthaft seinen Schlaf verbessern möchte, sollte den Mocktail als netten Zusatz betrachten – aber nicht als alleinige Lösung. Diese Maßnahmen sind wissenschaftlich deutlich besser belegt:
Schlafhygiene ist das Fundament guten Schlafs. Dazu gehören feste Schlaf- und Aufwachzeiten (auch am Wochenende), ein kühles, dunkles und ruhiges Schlafzimmer sowie der Verzicht auf Bildschirme mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen.
Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, Atemübungen (z. B. die 4-7-8-Methode) oder Meditation können nachweislich die Einschlafzeit verkürzen und die Schlafqualität verbessern.
Baldrian ist eines der am besten untersuchten pflanzlichen Schlafmittel. Studien zeigen eine leichte schlaffördernde Wirkung, insbesondere bei regelmäßiger Einnahme über mehrere Wochen.
L-Theanin, eine Aminosäure aus Grüntee, kann in Kombination mit Magnesium die Schlafqualität verbessern und Angst reduzieren – ohne Benommenheit am nächsten Morgen.
Melatonin als Supplement ist sinnvoll bei Jetlag oder gestörtem Schlaf-Wach-Rhythmus, sollte aber nicht dauerhaft eingenommen werden. In Deutschland ist es rezeptfrei erhältlich.
Bei chronischen Schlafstörungen empfiehlt sich immer auch ein Gespräch mit dem Hausarzt oder einem Schlafspezialisten.
Kann ich den Sleepy Girl Mocktail täglich trinken? In normalen Mengen ist das unbedenklich. Achte jedoch auf die Magnesiummenge – die empfohlene Tagesdosis sollte nicht dauerhaft überschritten werden.
Für wen ist der Mocktail geeignet? Grundsätzlich für gesunde Erwachsene. Schwangere, Stillende, Personen mit Nierenerkrankungen oder die Medikamente einnehmen, sollten vorher einen Arzt konsultieren.
Wo bekomme ich Magnesiumpulver? In Apotheken, Drogerien (dm, Rossmann) oder online. Empfehlenswert sind Magnesiumcitrat oder Magnesiumglycinat.
Kann ich den Mocktail auch warm trinken? Ja – eine warme Variante mit Sauerkirschsaft und Zimt ist eine schöne Alternative, besonders im Winter.
Hilft der Mocktail wirklich? Die wissenschaftliche Beweislage ist begrenzt. Viele Menschen berichten jedoch von positivem Erleben – ob durch die Inhaltsstoffe oder den Placebo-Effekt sei dahingestellt. Schaden kann er in normalen Mengen nicht.
Der Sleepy Girl Mocktail ist kein wissenschaftlich bewährtes Schlafmittel, aber ein harmloses, angenehmes Abendritual, das für viele Menschen eine positive Wirkung haben kann. Die Kombination aus Sauerkirschsaft und Magnesium hat durchaus ein schlafförderndes Potenzial – allerdings in den im Getränk enthaltenen Mengen wohl eher über Placebo- und Ritualeffekte als über direkte physiologische Wirkung.