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Als Medizinstudentin hielt sie ihre berufliche Bestimmung buchstäblich schon in den Händen: Während einer Operation durfte sie zum ersten Mal einen Darm im Bauch halten. „Da wusste ich wirklich ganz klischeehaft: Das ist es.“ Die Faszination ist geblieben. Heute beschäftigt sich die Fachärztin für Allgemein- und Viszeralchirurgie längst nicht mehr allein mit sichtbarer Anatomie. Sie interessiert sich ebenso für das Zusammenspiel von Darm und Gehirn, für Ernährung und Stress – und für Beschwerden, bei denen trotz gründlicher Untersuchungen keine klare organische Ursache erkennbar ist.
Nach dem Studium in Innsbruck absolvierte sie ihre chirurgische Ausbildung an der Universitätsklinik Salzburg und spezialisierte sich auf Endoskopie. Eine weitere Station war das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf; ab 2020 leitete sie das interdisziplinäre Endoskopiezentrum am Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum Steyr. In ihrer eigenen Praxis im oberösterreichischen Steyr, die sie seit 2024 führt, verbindet sie Schulmedizin mit Ernährungsmedizin, Phytotherapie und medizinischer Hypnose.
„Ich brauche die Geschichten und die Hintergründe.“
Dr. Birgit Dinnewitzer
Zur Endoskopie kam sie während ihrer Ausbildung eher ungeplant. Rotationsbedingt musste sie dort länger bleiben - doch gerade das eröffnete ihr eine neue Perspektive. „Wenn man länger bleibt, lernt man auch mehr“, weiß sie heute. Erst mit der Zeit erkannte sie, wie viel sich mit endoskopischen Verfahren erreichen lässt – und wie wichtig ihr zugleich die Nähe zu den Menschen ist. „Ich brauche die Geschichten und die Hintergründe“, sagt sie.
Viele ihrer Patientinnen und Patienten haben zahlreiche Untersuchungen hinter sich. Blähungen, Schmerzen oder Stuhlunregelmäßigkeiten schränken ihren Alltag ein, trotzdem hören sie immer wieder, es sei nichts zu finden. Genau hier beginnt für Dinnewitzer die eigentliche Detektivarbeit. „90 Prozent der Diagnose liegen in der Anamnese, im Gespräch mit dem Patienten.“ Was im eng getakteten medizinischen Alltag häufig fehlt, bildet deshalb das Fundament ihrer Arbeit: Zeit.
Nicht jede funktionelle Darmbeschwerde ist ein Reizdarmsyndrom, nicht hinter jedem aufgeblähten Bauch steckt eine Dünndarmfehlbesiedelung, kurz SIBO. Atemtests können Hinweise geben, müssen aber passend zur Symptomatik ausgewählt und fachkundig interpretiert werden. „Wer viel misst, misst viel Mist“, weiß Dinnewitzer. Statt wahllos zu testen, will sie verstehen, welche Untersuchung sinnvoll ist.
Wird SIBO festgestellt, richtet sich die Behandlung nach Form und möglichen Ursachen. Zum Einsatz kommen je nach Befund Antibiotika oder pflanzliche Wirkstoffe, ergänzt durch Ernährungsmedizin und Veränderungen im Alltag. Diese Kombination entspricht Dinnewitzers Selbstverständnis: Ihr Herz schlage für die klassische Schulmedizin, zugleich kenne sie die Möglichkeiten der Naturheilkunde. „Ich glaube, dass die Zukunft der Medizin genau darin liegt.“ Entscheidend sei, beide Seiten seriös zusammenzuführen – und ihre Grenzen zu kennen. Und das möchte sie auch über ihre Kongresstätigkeit an ihre Kollegen vermitteln.
„90 Prozent der Diagnose liegen in der Anamnese, im Gespräch mit dem Patienten.“
Dr. Birgit Dinnewitzer
Ein wichtiger Baustein bei funktionellen Beschwerden ist die Darm-Hirn-Achse. Bestehen Schmerzen über längere Zeit, kann das Nervensystem Signale aus dem Verdauungstrakt zunehmend empfindlich wahrnehmen. Verdauungsbewegungen, die früher kaum registriert wurden, können dann Beschwerden auslösen. Die medizinische Hypnose setzt an dieser Signalverarbeitung an. Sie soll helfen, Wahrnehmungsmuster zu regulieren und eigene Kraftressourcen für belastende Situationen verfügbar zu machen.
Mit Showhypnose hat das nichts zu tun. Patientinnen und Patienten bleiben stets ansprechbar.
Hypnose ist auch kein beiläufiges Instrument. Besonders bei traumatischen Erfahrungen braucht es Fachwissen und klare Grenzen. „Ich muss der sichere Hafen für den Patienten sein“, sagt sie – ein Satz, der ihre Haltung über die Hypnose hinaus beschreibt. Die Ausbildung zur medizinischen Hypnosetherapeutin habe aber auch bei ihr selbst etwas verändert: Allein durch die Sprache könne sie heute Patienten ganz anders abholen. Auch erlebten sie Untersuchungen angstfreier, was dazu beitragen kann, dass etwa weniger Sedierung benötigt wird.
Aufklärung endet für die Ärztin nicht an der Praxistür. Unter @doc_dinni erklärt sie auf Instagram medizinische Zusammenhänge pointiert und humorvoll; die Beiträge produziert sie selbst – und mit großem Spaß. So kann sie auch jener kreativen Seite Raum geben, die sie beinahe zum Grafikdesign geführt hätte. Vor allem aber will sie fragwürdigen Gesundheitstipps fundiertes Wissen entgegensetzen. Ärztinnen und Ärzte müssten dort präsent sein, wo Menschen nach Antworten suchen: „Es gibt keine andere Möglichkeit, mit der du im Wohnzimmer der Patienten sitzen und etwas Gutes tun kannst“, erklärt sie schmunzelnd. Mit ihrer Community „Darm im Flow“ und Onlinekursen führt sie diesen Gedanken weiter. Die Themen reichen von Darmgesundheit bis zum Hämorrhoidalleiden, das sie unter dem Titel „Down Under“ aus der Tabuzone holt.
„Ich muss der sichere Hafen für den Patienten sein.“
Dr. Birgit Dinnewitzer
Ein Thema, das ihr in der Praxis wie auch online immer wieder begegnet, sind pauschale Ernährungsempfehlungen. Besonders kritisch sieht Dinnewitzer das „Weglassen“: Viele Menschen streichen auf eigene Faust Gluten, Milchprodukte oder ganze Lebensmittelgruppen vom Speiseplan. Das Problem dabei: Langfristig drohen eine einseitige Ernährung und ein weniger vielfältiges Mikrobiom. Lebensmittel sollten daher nur gezielt und nach sinnvoller Abklärung gemieden werden. „Wenn Ernährung nicht die Lösung ist, dann ist sie auch nicht das Problem.“
Dabei sind es manchmal gerade die einfachen Dinge, die dem Darm guttun. Eine Empfehlung liegt ihr besonders am Herzen – und die gilt für alle: gründlich kauen und ohne Bildschirm oder andere Ablenkung essen. Auch ihr selbst gelingt das nicht immer. Entscheidend sei jedoch nicht Perfektion, sondern sich diese Grundlagen immer wieder bewusst zu machen.
So unterschiedlich die Beschwerden und Methoden sind, der Ausgangspunkt bleibt derselbe: genau zuhören, sorgfältig untersuchen und die Therapie gemeinsam entwickeln. „Keine Therapie ist gleich, weil kein Patient gleich ist.
Ich betrachte Gesundheit als einen stetigen Prozess der Selbstfürsorge, nicht nur als Abwesenheit von Krankheit. Deshalb strebe ich danach, meinen Patientinnen eine neue Perspektive, um Gesundheit zu erlangen, zu erhalten und zu fördern.“
„Keine Therapie ist gleich, weil kein Patient gleich ist.“
Dr. Birgit Dinnewitzer