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Viele Menschen verzichten freiwillig auf Gluten, auch ohne eine diagnostizierte Unverträglichkeit
27. Januar 2025
Jana Ackermann
Ernährungsexpertin Hannah Willemsen erklärt: Wann ist glutenfreie Ernährung sinnvoll? Alles zu Zöliakie, Glutensensitivität und gesunden Alternativen
Pasta, Brot und Kuchen schmecken lecker – doch immer mehr Menschen verzichten auf Gluten, auch ohne diagnostizierte Unverträglichkeit. Ist das wirklich sinnvoll oder nur ein überholter Trend? Ernährungsberaterin Hannah Willemsen klärt auf, wann Glutenverzicht medizinisch notwendig ist und wann er mehr schadet als nutzt.
Gluten ist ein Protein, das in vielen Getreidesorten wie Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel vorkommt. Es verleiht Teigen ihre Elastizität und sorgt dafür, dass Brot und Gebäck ihre Form behalten.
Gut zu wissen: Für die meisten Menschen stellt der Verzehr von Gluten keine gesundheitlichen Probleme dar, allerdings gibt es verschiedene Formen von Glutenunverträglichkeiten, die zu gesundheitlichen Beschwerden führen können.
Die bekannteste Form der Glutenunverträglichkeit ist die Zöliakie, eine Autoimmunerkrankung, bei der der Verzehr von Gluten Entzündungen im Dünndarm auslöst. In Deutschland sind etwa 800.000 bis 900.000 Menschen betroffen.
“Bei Zöliakie-Patient:innen führt der Kontakt mit Gluten zu einer Rückbildung der Dünndarmzotten”, erklärt die zertifizierte Ernährungsberaterin Hannah Willemsen . Dies beeinträchtigt die Nährstoffaufnahme und kann folgende Symptome hervorrufen:
Wichtig: Unbehandelt kann Zöliakie langfristig zu schweren gesundheitlichen Problemen führen. Eine lebenslange glutenfreie Ernährung ist die einzige wirksame Therapie.
Neben Zöliakie gibt es die Weizenallergie, die meist leicht nachzuweisen ist. Zu den häufigsten Symptomen zählen:
„Bei einer Glutensensitivität reagieren Betroffene ähnlich wie bei einer Zöliakie auf Gluten, jedoch ohne die charakteristische Autoimmunreaktion oder Darmschäden", erklärt Hannah Willemsen.
Typische Symptome:
„Auch hier kann eine glutenfreie Ernährung zur Linderung der Symptome führen, auch wenn keine offizielle Zöliakie-Diagnose vorliegt", so die Ernährungsberaterin.
Darüber hinaus zeigen immer mehr Studien, dass auch Menschen mit anderen Autoimmunerkrankungen wie Hashimoto oder Schuppenflechte von einer glutenfreien Ernährung profitieren können. Die ganzheitliche Ernährungsberaterin betont jedoch: “Dies sollte immer im Einzelfall getestet werden, da nicht jeder Körper gleichermaßen auf Glutenverzicht anspricht.”
Allerdings verzichten immer mehr Menschen freiwillig auf Gluten, auch ohne eine diagnostizierte Unverträglichkeit. Doch ist das wirklich sinnvoll? Laut Hannah Willemsen gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass der Verzicht auf Gluten für gesunde Menschen Vorteile bringt.
Laut der Expertin wird Weizen oft zu Unrecht als ungesund dargestellt. “Vollkornweizen, also das volle Korn, ist eine wertvolle Quelle für Ballaststoffe, Vitamine, Mineralstoffe und Antioxidantien.” Wer Gluten meidet, müsse sicherstellen, diese Nährstoffe aus anderen Quellen zu beziehen.
“Die negative Wahrnehmung von Weizen kommt oft von Produkten, die aus raffiniertem Weizenmehl hergestellt werden, wie Weißbrot und Gebäck”, so die Expertin. “Diese Produkte sind in der Tat weniger nahrhaft, da sie bei der Verarbeitung einen Großteil der Ballaststoffe und Nährstoffe verlieren.”
Produkte aus Weißmehl lassen den Blutzuckerspiegel schnell ansteigen, was zu Energie-Einbrüchen und Heißhunger führen kann, während Vollkornweizen länger satt macht und die Verdauung unterstützt. Für eine ausgewogene Ernährung ist es deshalb empfehlenswert, den Verzehr von Weißmehl zu reduzieren und stattdessen auf vollwertige Alternativen zu setzen – auch, wenn hier Gluten enthalten ist.
Manche Menschen berichten davon, sich ohne Gluten besser zu fühlen. In diesen Fällen kann eine Ausschlussdiät helfen, um die persönliche Verträglichkeit zu testen.
So geht's:
Gluten ist in vielen gängigen Lebensmitteln enthalten, insbesondere in Produkten aus:
Glutenhaltige Getreidesorten:
Typische glutenhaltige Lebensmittel:
Hafer ist in seiner reinen Form glutenfrei. Aufgrund von Verunreinigungen während des Anbaus und der Verarbeitung kann Hafer jedoch Gluten enthalten.
Für Menschen mit Zöliakie: Nur speziell als „glutenfrei" gekennzeichneter Hafer ist sicher.
Wer eine Glutenunverträglichkeit hat oder seine Ernährung abwechslungsreich gestalten möchte, kann auf viele glutenfreie Alternativen zurückgreifen.
💡 Backtipp: Glutenfreie Mehle haben andere Backeigenschaften – verwenden Sie spezielle Rezepte oder Mehlmischungen für beste Ergebnisse.
Statt normalem Brot:
Statt Hartweizenpasta:
Statt normalem Müsli:
Glutenverzicht ist medizinisch notwendig bei:
Glutenverzicht ist NICHT sinnvoll:
Die wichtigste Erkenntnis: Nicht Gluten ist das Problem, sondern oft die Verarbeitung. Vollkornprodukte sind auch mit Gluten wertvoll für eine gesunde Ernährung.
Sie vermuten eine Glutenunverträglichkeit? Lassen Sie sich ärztlich untersuchen, bevor Sie auf Gluten verzichten – nur so ist eine sichere Diagnose möglich.
Wie erkenne ich eine Glutenunverträglichkeit?
Typische Symptome sind Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall, Müdigkeit und Kopfschmerzen nach dem Verzehr glutenhaltiger Lebensmittel. Eine sichere Diagnose ist nur durch ärztliche Tests möglich.
Ist glutenfreie Ernährung gesünder?
Nein. Für Menschen ohne Glutenunverträglichkeit gibt es keine wissenschaftlichen Belege, dass glutenfreie Ernährung gesünder ist. Vollkorngetreide mit Gluten liefert wichtige Nährstoffe.
Kann man Zöliakie heilen?
Nein, Zöliakie ist eine lebenslange Autoimmunerkrankung. Die einzige wirksame Therapie ist eine strikt glutenfreie Ernährung.
Sind glutenfreie Produkte automatisch gesünder?
Nein. Viele glutenfreie Fertigprodukte enthalten mehr Zucker, Fett und Zusatzstoffe als herkömmliche Produkte. Achten Sie auf die Zutatenliste.
Wie teste ich, ob ich Gluten vertrage?
Durch eine Ausschlussdiät: 4-6 Wochen komplett auf Gluten verzichten, Symptome dokumentieren, dann schrittweise wieder einführen. Wichtig: Vorher ärztlich abklären!
Über die Expertin:
Hannah Willemsen ist zertifizierte Ernährungsberaterin mit Schwerpunkt auf ganzheitlicher Ernährung und Unverträglichkeiten.